Christophe Nijdam ist sich nicht sicher, ob die EZB "ein drittes Mal in der Lage wäre, einen Systemkollaps zu verhindern". - © Luiza Puiu
Christophe Nijdam ist sich nicht sicher, ob die EZB "ein drittes Mal in der Lage wäre, einen Systemkollaps zu verhindern". - © Luiza Puiu

"Wiener Zeitung": Die Finanzmärkte wurden in den letzten Jahrzehnten immer komplexer und intransparenter. Halten Sie es für möglich, diese Märkte wieder zu vereinfachen?

Christophe Nijdam: Es wäre machbar, wenn die Politik dazu gewillt wäre und der Einfluss der Banken schwächer wäre. Die politische Tagesordnung in Brüssel dreht sich momentan nur um Wachstum. Es dominiert die These, dass wir Vorschriften an Banken wieder lockern müssen, um die Wirtschaft zu stimulieren und so Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist meiner Meinung nach ein großes Missverständnis. Schließlich ist die Wirtschaftskrise, in der wir uns immer noch befinden, eine Folge des Abbaus der Bankvorschriften - und definitiv keine Folge der Regulierungsbewegung, die erst nach 2008 entstand, um die Fehler von damals auszubügeln. Wir machen also einen Schritt zurück und dadurch womöglich wieder dieselben Fehler wie schon in den vergangenen 20 Jahren.

Was schlagen Sie vor, um diese Situation zu ändern?

Manche Leute fänden es gut, eine dritte Krise zu durchleben, weil die Politiker dann erkennen würden, dass wir das Bankwesen stärker regulieren müssen. Der Haken an dieser Einstellung ist, dass wir nicht wissen können, ob wir eine dritte Krise überstehen würden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Europäische Zentralbank auch 2015 noch in der Lage wäre, einen Systemkollaps zu verhindern. Deswegen wünsche ich mir keine dritte Krise herbei.

Was halten Sie von den aktuellen Kapitalanforderungen an Banken?

Generell sind Banken noch immer zu sehr über Schulden finanziert. Die Sprecher der Banken argumentieren zwar gerne damit, dass sie doppelt oder dreimal so viel Eigenkapital zur Verfügung stellen müssen, als es vor der Krise der Fall war. Aber das stimmt so nicht ganz, weil die Berechnung dieser Quoten große Spielräume offenlässt. Das Eigenkapital wird schließlich nicht mit dem gesamten Bilanzumfang verglichen, sondern nur mit den sogenannten risikogewichteten Vermögenswerten – und welcher Anteil der Bilanz nun zum riskanten Kapital zählt, entscheiden Großbanken oft selbst.