Orangen: Bittere Wahrheiten lauern hinter süßen Früchten. - © ARS
Orangen: Bittere Wahrheiten lauern hinter süßen Früchten. - © ARS

Wien/São Paulo. (wak) Gefrorener konzentrierter Orangensaft ist die Basis von allen Orangensäften aus dem Regal. Bei zehn Saftpackungen kommen acht davon aus Brasilien, vor allem aus der Region São Paulo. Dominiert wird die Orangenproduktion von Plantagen, die zumeist in der Hand von drei großen Firmen sind, die zusammen fünfzig Prozent des Welthandels ausmachen: die brasilianischen Multis Citrosuco und Cutrale sowie der französische Riese Luis Dreyfus Group. Die halten zum Teil ihre eigenen Plantagen, zum Teil kaufen sie zu - und können aufgrund ihrer Übermacht die Preise drücken.

Und das ist nur die Seite der Plantagen. Europäische Discounter wie Lidl kaufen auch zunehmend Abfüllanlagen direkt vor Ort in Brasilien und diktieren ebenso die Preise mit ihrer marktbeherrschenden Stellung. Wer darunter leidet, ist der Pflücker, das letzte Glied der Kette. Um auf deren Schicksal aufmerksam zu machen, gaben in Wien die Nichtregierungsorganisationen Südwind und Global 2000 eine Pressekonferenz: "Ein brasilianischer Arbeiter pflückt am Tag 1,5 Tonnen Orangen und bekommt dafür nur 10 Euro. Das ist nicht genug zum Leben", schildert Regina Webhofer von Südwind die Zustände.

Aber damit nicht genug: "Die Menschen, die als Anwerber arbeiten, sind oft die Einzigen, die fix angestellt sind", erklärt Martin Wildenberg von Global 2000. Die würden durch das Land reisen, Arbeiter einsammeln und deren Unterbringung auf den Plantagen organisieren. "Die Arbeiter müssen dann für Transport und Unterkünfte zahlen, das wird gleich vom nicht ausbezahlten Lohn abgezogen, sie fangen schon mit Schulden zum Arbeiten an."
Auf den weitläufigen Plantagen gibt es oft einen Kiosk für das Notwendigste, die Arbeitstage betragen 11 Stunden, der nächste Supermarkt ist kilometerweit entfernt. Aber der Kiosk, der dem Anwerber gehört, verlangt natürlich die doppelten Preise. "Das, was wir in Brasilien gesehen haben, war wirklich moderne Sklaverei", erzählt Wildenberg. Neben der finanziellen Ausbeutung kommen noch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen hinzu. Natürlich komme man in Monokulturen nicht ohne Düngemittel und dergleichen aus, erklärt Wildenberg. Aber in Brasilien würden viele Pestizide verwendet werden, die in Europa gar nicht mehr zugelassen sind - wie etwa das von der Schweizer Firma Syngenta hergestellte Paraquat. Solche Gifte werden zum Teil mit dem Flugzeug ausgebracht. Erst neun Fair-Trade-Betriebe Ist man dem ausgesetzt, kann der Körper Pilze und Bakterien mit Medikamenten gar nicht mehr bekämpfen, erklärt der brasilianische Gewerkschafter Alcimir Antonio do Carmo. "Es ist besser, gar nicht zu arbeiten", als auf einer dieser Plantagen, es sei einfach zu gefährlich. "Aber der Konsument kann uns helfen", wirbt Carmo für bewussteres Einkaufen - gerade hierzulande, denn in die EU werden zwei Drittel der brasilianischen Orangen-Exporte verkauft. Das Bewusstsein scheint in Europa nicht besonders hoch zu sein: Nur neun Kooperativen sind in Brasilien mit dem Fair-Trade-Siegel ausgestattet, das den Arbeitern faire Bezahlung und ökologische Mindeststandards garantiert. Die Nachfrage bei O-Saft sei gering, heißt es von Fair Trade.


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