Stockholm. (rs) Persönlich hat sich Angus Deaton mit dem Glück immer ein wenig schwer getan. Zeitlebens habe ihn ein Widerwille, Glück zu bemerken oder zuzugeben begleitet, hatte der schottische Ökonom einmal in einem Interview erklärt. Das mag auch mit ein Grund sein, warum sich Deaton in seinem akademische Leben vor allem mit dem Glück und dem größten Verhinderer - der Armut - auseinandergesetzt hat.

Viele Jahre hat der heute 69-Jährige damit verbracht, die Wurzeln der Armut in Indien aufzuspüren und ein taugliches Instrumentarium für deren Messung zu entwickeln. Dabei fand er unter anderem heraus, dass sich das ganze Problem viel besser verstehen und quantifizieren lässt, wenn man den Blick vom Einkommen weglenkt und das Konsumverhalten der Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Für seine Forschung zu Armut, Konsum und Ungleichheit ist Deaton nun mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden. "Um eine Wirtschaftspolitik zu gestalten, die Wohlstand fördert und Armut verringert, müssen wir zuerst individuelle Konsumentscheidungen verstehen", sagte Göran Hansson, Generalsekretär der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften am Montag in Stockholm. "Mehr als jeder andere hat Angus Deaton dieses Verständnis gefördert." Mit der Verbindung von individuellen Konsumentscheidungen und Gesamtwirtschaft habe der seit 1983 im amerikanischen Princeton lehrende Ökonom zudem die Fachgebiete der Mikro- und der Makroökonomie sowie der Entwicklungsökonomie verändert.

Befragungen als Schlüssel

Konkret wurde Deaton für drei Errungenschaften geehrt: Um 1980 hatte er gemeinsam mit dem Ökonomen John Muellbauer ein System entwickelt, um die Nachfrage für verschiedene Güter zu schätzen. Dieses System spielt heute eine Rolle bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen und hilft Regierungen abzuschätzen, wie sich beispielsweise eine Mehrwertsteuererhöhung auf den Konsum auswirkt und welche sozialen Gruppen dabei verlieren oder gewinnen.

Zweitens hob die Akademie Deatons Studien um 1990 hervor, die den Zusammenhang zwischen Konsum und Einkommen untersuchten. Dabei zeigte er auf, dass der Schlüssel zu einem besseren Verständnis von makroökonomischen Daten in der Betrachtung von Individuen liegt. Schließlich würdigte die Akademie auch die jüngeren Arbeiten des Briten, bei denen die Erfassung von Lebensstandard und Armut in Entwicklungsländern mittels großflächiger Haushaltsumfragen im Mittelpunkt standen. Unter anderem belegt seine Forschung, wie der Umgang mit Haushaltsdaten ein Licht auf verschiedene Fragestellungen werfen kann - beispielsweise die Beziehung zwischen Einkommen und Kalorienaufnahme und das Ausmaß von Geschlechterdiskriminierung innerhalb von Familien. Deatons Fokus auf Haushaltsumfragen habe dabei geholfen, die Entwicklungsökonomie von einem "theoretischen Feld" auf ein empirisches mit detaillierten individuellen Daten zu führen, erklärte das Preiskomitee.

Zuletzt hatte der frisch gekürte Preisträger, der neben der britischen auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, das Buch "Das große Entkommen" veröffentlicht. Darin zeichnete er nach, wie das allgemeine Wohlergehen - besonders die Lebenserwartung und der Wohlstand - über die Jahre gewachsen sind.

Der optimistische Blick auf den wirtschaftlichen Fortschritt in der Welt findet sich aber nicht nur in Deatons jüngstem Buch wieder. In einer Videoschaltung sagte der Preisträger am Montag vor Journalisten, er glaube, dass die Armut weiter zurückgehe. So sei in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten bereits ein "bemerkenswerter Fortschritt" erzielt worden. "Aber wir sind noch nicht über den Berg", betonte Deaton und verwies auf die 700 Millionen extrem armen Menschen, die es laut Weltbank weiterhin gibt. Deaton glaubt auch, dass die Armutsbekämpfung der Schlüssel zur Lösung der Flüchtlingskrise ist. Allerdings werde das sehr lange dauern.