Washington/Frankfurt. (rs) An den Märkten hatten viele eigentlich schon den September ins Auge gefasst gehabt. Doch damals zögerten die Notenbanker rund um Fed-Chefin Janet Yellen noch, den 2008 begonnenen Krisenmodus auslaufen zu lassen. Zu groß war die Sorge, dass die erste Anhebung der US-Leitzinsen seit neun Jahren zu neuen Turbulenzen in den ohnehin schon schwächelnden Schwellenländer führen könnte, die sich in einer Kettenreaktion dann wiederum negativ auf die US-Wirtschaft auswirken. Und zu stark waren wohl auch die Befürchtungen, dass die Börsen, für die das ultrabillige Notenbank-Geld zum zentralen Treibstoff geworden ist, mit Panik reagieren könnten.

Doch mittlerweile beginnen Yellen die Argumente auszugehen, um eine weitere Aufschiebung zu rechtfertigen. Denn dass die Konjunktur bereits robust genug ist, um auch den einen oder anderen Dämpfer auszuhalten, belegt nicht nur das mit 3,2 Prozent ungebrochen hohe Wachstum beim in den USA so wichtigen Konsum. Auch der Arbeitsmarkt präsentiert sich unerwartet stark. So wurden im Oktober 270.000 Jobs neu geschaffen, Analysten hatten nur mit knapp 180.000 gerechnet. Die Arbeitslosenquote fiel damit von 5,1 auf 5 Prozent. Einen so niedrigen Wert hat es zuletzt unmittelbar vor der Pleite der US-Investetmentbank Lehmann Brothers gegeben, deren Untergang die globale Finanzkrise ausgelöst hat.

Eine Zinswende noch vor Jahreswechsel erscheint angesichts der starken US-Daten nun zunehmend wahrscheinlich. Auch Yellen selbst hat in dieser Woche ein starkes Signal in diese Richtung ausgesandt, als sie vor einem Kongressausschuss den Dezember als möglichen Termin genannt hat.

Geldpolitische Kluft


Für die beiden wichtigsten Notenbanken der Welt könnten die geldpolitischen Wege damit schon bald noch weiter auseinandergehen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrem Präsidenten Mario Draghi scheint durchaus entschlossen, im Dezember nochmals die Geldschleusen zu öffnen, um die niedrige Inflation anzuheizen und die maue Konjunktur anzukurbeln. Bereits jetzt schon kaufen die EZB und die nationalen Notenbanken Monat für Monat Anleihen im Gegenwert von mehr als 50 Milliarden Euro auf, um die Banken zur Vergabe von mehr Krediten zu ermuntern. Seit dem Start des Programms am 9. März wurden auf diese Weise fast 400 Milliarden in den Markt gepumpt, die am Ende in der Realwirtschaft als günstige Darlehen ankommen sollen.

Eine noch größere Kluft in der Geldpolitik würde freilich die Investitionsströme kräftig verschieben. Denn wenn in den USA die Zinsen wieder steigen, werden auch Investments in Dollar deutlich attraktiver. Im Vergleich zum Euro würde die US-Währung dann deutlich zulegen. "Es riecht schon wieder nach ‚Währungskrieg‘", warnt etwa Devisen-Experte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Der US-Dollar trage die Last der Euro-Schwäche. "Und mit ihm die anderen Dollar-Block-Währungen." Auch die Landesbank Baden-Württemberg sieht den Euro auf Talfahrt. Sie prognostiziert bis Ende 2016 einen Euro-Kurs von 1,05 Dollar. Von diesem Wert ist die europäische Gemeinschaftswährung aber ohnehin gar nicht mehr so weit entfernt. Nach der Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten fiel der Euro um 1,6 Prozent auf 1,07 Dollar und markierte damit ein Sechseinhalb-Monats-Tief.

Den europäischen Notenbankern dürfte diese Entwicklung alllerdings durchaus recht sein. Denn werden Produkte aus der Euro-Zone auf dem Weltmarkt günstiger, verschafft das der europäischen Export-Wirtschaft Vorteile. Und das wiederum schafft Wachstum, das zusammen mit den teurer werdenden Importen für mehr Preisauftrieb sorgt - ganz im Sinne der Währungshüter. Denn die Teuerung im Euro-Raum liegt hartnäckig bei Werten knapp um die Nulllinie und damit gefährlich nahe an der Schwelle zur Deflation. Fallende Preise will die Notenbank unbedingt verhindern, weil sich Verbraucher dann in der Erwartung zurückhalten, Produkte bald noch günstiger zu bekommen. Firmen verdienen dann weniger und zögern Investitionen hinaus. Zumindest mittelfristig dürfte damit auch der Kurs der EZB klar sein. Solange eine deflationäre Abwärtspirale nicht endeutig gebannt ist, dürften in Frankfurt die geldpolitischen Zügel nicht wieder angezogen werden.