Frankfurt/London. Der allgemeine Konsens unter den wirtschaftlichen Propheten ist, dass die US-amerikanische Notenbank nach acht Jahren der Nullzins-Politik nun im Dezember den Leitzins wieder anhebt.

Die US-amerikanischen Daten sind solide - für sich allein genommen, könnte die nach China größte Volkswirtschaft der Welt wohl problemlos ein Anziehen der Zinsen, sowie ein Auslaufen der Anleihenkaufprogramme, verkraften, die auf eine Verknappung des US-Dollars und somit eine Wertsteigerung hinauslaufen.

Doch "für sich allein genommen" hat in der globalen Wirtschaftswelt nur noch als Gedankenspiel seine Berechtigung. Die Welt ist inzwischen viel zu vernetzt. Die Eurozone ist einer der wichtigsten Handelspartner der USA, die Europäische Zentralbank EZB verfolgt ebenfalls seit längerem eine Nullzinspolitik, sie hat allerdings erst später als die Fed mit den massiven Anleihenkäufen, also dem Geldregen angefangen. Bisher sind die Ökonomen davon ausgegangen, dass die EZB - im Abstand von sechs bis zwölf Monaten - der Fed folgen wird, und ebenfalls die Leitzinsen anheben wird. Doch was, wenn die EZB einen Strich durch diese Rechnung der gemeinsamen Anhebungen macht?

Denn die Eurozone leidet unter einer zu geringen Inflation: Die Preise wollen seit einem Jahr nicht und nicht anziehen. Eine Inflation von knapp unter zwei Prozent gilt als erstrebenswert, um die Wirtschaft im Schwung zu halten. Im Oktober waren die Preise in der Währungsunion lediglich um 0,1 Prozent gestiegen. Draghi hatte die meiste Zeit im laufenden Jahr die Deflationsängste, also das Fallen der Preise, zu beschwichtigen versucht. Man werde es weiter beobachten, hieß es immer wieder. Bis neulich. Am Freitag auf einem Bankenkongress in Frankfurt erklärte Draghi: "Wir werden das tun, was wir machen müssen, um die Inflation so schnell wie möglich zu erhöhen." Die Währungshüter entscheiden am 3. Dezember über ihren weiteren Kurs.

Währungskurse spielen mit

Als Instrument steht bei der Euro-Notenbank das seit März laufende Anleihen-Kaufprogramm im Blick - durch dieses "Quantitative Easing" wird mehr Geld in den Markt beziehungsweise ins Bankensystem gepumpt. Dies sei ein "mächtiges und flexibles Instrument", so Draghi. Umfang, Dauer und Zusammensetzung ließen sich ändern, um eine noch expansivere Geldpolitik zu erreichen.

Der Haken an der Sache: "Die Fed kann die Zinsen nicht anheben, wenn die EZB ihre Geldschwemme weiter stark ausweitet", erklärt Anna Stupnytska, Volkswirtschaftsexpertin von Fidelity Investment bei dem Media Day des Fonds in London. Denn das würde die Differenz zwischen den Währungen nur ausweiten. Wenn der Dollar gegenüber dem Euro zu stark ist, trübt das etwa die Exportchancen ein.

Auch Andrew Wells, ein weiterer Fidelity-Ökonom, betont: "Die Politik der Fed hängt stark von externen Faktoren ab." Und gerade die "Kurse zu ausländischen Währungen werden angesichts der expansiven Geldpolitik der EZB" besonders beobachtet.

Tatsächlich: Kaum waren Draghis Worte verklungen, sackte der Euro am Devisenmarkt ab. Er notiert zeitweise nur noch bei 1,0665 Dollar. Zuvor lag er noch knapp unter der Marke von 1,07 Dollar. Typisch für den Euro-Dollar ist allerdings ein Verhältnis von 1 zu 1,16 bis 1,36.

Derzeit pumpt die EZB monatlich 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren. Das Billionenprogramm soll bis mindestens September 2016 laufen.

Außerdem wird der EZB-Rat nach Draghis Worten das Niveau der Strafzinsen für Bankeinlagen bei der EZB neu bewerten. Derzeit zahlen Banken 0,2 Prozent Zinsen, wenn sie Geld über Nacht bei der Notenbank parken. Volkswirte erwarten, dass die EZB den Strafzins erhöhen wird.

Obwohl die Fed Morgenluft wittert, meint man bei den Fonds Managern von Fidelity übrigens, dass Europa für Anleger die derzeit beste Weltregion ist. Das liege nicht nur an den im Vergleich "besseren Fundamentaldaten", sondern auch an der unterstützenden Politik durch die EZB, erklärt Wells.