Washington. (ag/wak) Die Milliardenübernahme des Pharmaherstellers Allergan durch Pfizer stößt in den USA wegen der geplanten Verlagerung des Firmensitzes nach Irland auf scharfe Kritik. Laut der Demokratin Hillary Clinton, die sich um die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei bewirbt, ist wegen der Nutzung von Schlupflöchern der "US-Steuerzahler der Dumme". Ihr Rivale Donald Trump von den Republikanern kritisierte die Pläne von Pfizer als "widerlich".

G20 können wenig ausrichten


Der Viagra-Anbieter Pfizer hatte am Montag angekündigt, Allergan für 160 Milliarden Dollar zu übernehmen und den größten Pharmakonzern der Welt zu schaffen. Zumindest auf dem Papier soll der Firmensitz in die Allergan-Heimat Irland verlagert werden, wo nur ein Bruchteil der US-Unternehmenssteuern fällig wird. Gesteuert wird der Konzern weiter aus New York. Trotz Kritik aus der US-Politik ist eine Gesetzesverschärfung zur Verhinderung derartiger Steuersparmodelle vor 2017 unwahrscheinlich.

Clinton verspricht, derartige Deals in ihrer Amtszeit schwerer zu machen: "Wir können nicht länger damit zuwarten, solche Geschäfte, die unsere Steuergrundlage erodieren, zu verunmöglichen." Clinton konnte allerdings noch nicht erklären, wie sie das anstellen möchte. Trump, der sich für eine grundsätzliche Überprüfung der Steuergesetze in den USA ausspricht, nannte den Deal, der tausende von US-Jobs kosten würde, zwar "widerlich", erklärte in einem Statement aber, dass sich dafür auch "unsere Politiker schämen müssen."

Denn der Grund für die Übernahme, so groß sie auch sein mag - es handelt sich im Volumen um die drittgrößte Unternehmensübernahme in den vergangenen fünfzehn Jahren - sind nämlich nicht, wie oft, Synergie- oder Skalierungseffekte: Das mit Abstand Attraktivste am Botox-Hersteller Allergan ist, wie die "Wiener Zeitung" berichtete, seine Adresse.

Der Firmensitz von Allergan liegt in Irland und er wird auch der Firmensitz des gemeinsamen Riesenkonzerns nach der Übernahme sein. Der Kombi-Konzern wird übrigens weiterhin "Pfizer" heißen, und der CEO von Pfizer-Alt, Ian Read, wird auch der CEO von Pfizer-Neu bleiben. Das gesamte Management bleibt in den USA, der Konzern ist allerdings kein US-Konzern mehr, und wird auch nicht mehr die Steuern eines US-Konzernes zahlen müssen. Der Pharmariese macht sich also nur ein bisschen größer und wechselt auf eine angestammte Adresse in Dublin - mit angestammten Steuervorteilen. Das ist auch wichtig, denn Steuervorteile in Irland sind für neu gegründete Gesellschaften seit einer Gesetzesänderung, die dem "Double Irish" einen Riegel vorschieben sollte, auch nicht mehr ganz so unternehmensfreundlich, wie sie einst waren.

Trotzdem: Allein ohne irgendwelche Schlupflöcher auszunützen - etwa in den Bilanzen Gewinne als begünstigte Erträge aus Forschung- und Entwicklung auszuschildern -, liegen die Vorteile für Unternehmen auf der grünen Insel auf der Hand. Der Unternehmenssteuersatz beträgt in Irland 12,5 Prozent. Damit beläuft sich die irische Körperschaftssteuer auf weniger als die Hälfte als das, was in den USA abzuführen ist. Die Vereinigten Staaten besteuern Unternehmen nämlich (mit leichten Abänderungen je Bundesstaat) um die 35 Prozent. Egal welche Steuerschlupflöcher die G20 stopfen werden, die grundsätzliche Steuerhoheit können sie Staaten nicht nehmen.

"Inversion" seit 30 Jahren


"Inversion" heißen solche Deals in der Branchensprache - und sie sind nichts Neues. In den vergangenen 30 Jahren haben sich mehr als 50 Unternehmen allein aus den USA verabschiedet, darunter der Werkzeughersteller Ingersoll-Rand, der Textilkonzern Fruit of the Loom und der Medizintechnik-Gigant Medtronic.

Schiebt man dieser Praxis keinen Riegel vor, wird das US-Finanzamt laut Schätzungen des Kongresses in den nächsten zehn Jahren um 20 Milliarden US-Dollar umfallen.