Auch in der Flüchtlingsdebatte dominiert ökonomisches Denken: Was kosten sie, was bringen sie der Volkswirtschaft?

Das zeigt sehr gut die Grenzen des Marktes, denn der kann hier gar nichts ausrichten. Die Menschen kommen nicht wegen des Arbeitsmarkts, sondern wegen Krieg und Hunger. Hier kann uns Wirtschaftsdenken absolut nicht weiterhelfen.

Was haben wir der Dominanz der Marktlogik entgegenzusetzen? Selbst ein Multi-Milliardär und Investor wie George Soros hält Selbstregulierung für absolut unrealistisch.

Für viele Transaktionen funktioniert der Markt. Wenn es Wettbewerb gibt und genügend Informationen, dann gibt es kein Problem. Zum Beispiel, wenn wir Brot kaufen: Wir kennen das Angebot und wählen aus. Aber die Marktlogik ist unzureichend, wenn die Produkte komplizierter sind oder wenn es Werte zu berücksichtigen gilt, die nicht im Preis enthalten sind. Das Klima ist zum Beispiel kein Marktakteur und kann sich nicht selbst schützen.

Katastrophen wie der Atomunfall von Fukushima zeigen, was passiert, wenn Warnungen von Wissenschaftern ignoriert und von ökonomischen Prinzipien überstimmt werden. Sie fordern deshalb, Fachwissen wieder mehr zu schätzen. Aber wäre eine Expertenrepublik nicht auch elitär und von den Bürgern entfremdet?

Die Helden meines Buches sind die Experten, das stimmt. Aber auch ihnen können wir nicht restlos vertrauen. Denn auch die Wissenschaften brauchen Regulierung. Das kostet freilich Zeit, Geld und Anstrengung. Der Markt oder das Vertrauen in die Fachleute können es alleine nicht regeln. Wir müssen eben alle akzeptieren, dass es ohne Kontrolle nicht geht.

Sie fordern mehr Transparenz. Der in Wien forschende Politikwissenschafter Ivan Krastev zeigt in seinem Buch "In Mistrust we trust" die Tücken der Transparenz. Seiner Meinung nach kann sie das Misstrauen der Bürger sogar vergrößern.

Ich glaube schon, dass wir Transparenz brauchen und heute haben wir wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Aber die Forderung nach Transparenz kann auch zu weit führen. Zum Beispiel, wenn Politiker keine privaten Gespräche mehr führen können. Es ist unmöglich, dass alles in der Öffentlichkeit geschieht. Es war Otto von Bismarck, der gesagt hat: Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie. Politik ist eben hin und wieder ein schmutziges Geschäft.

Aber wie können wir mit dem Misstrauen zwischen Politik und Bürgern umgehen? Auch die Politiker misstrauen den Bürgern, denken wir nur an den NSA-Skandal und die Vorratsdatenspeicherung. Die Medien wiederum werden von Teilen der Bevölkerung als Lügenpresse verunglimpft.

Vielleicht ist der Mensch heute schlechter als früher, aber das glaube ich nicht. Wir Bürger sind sicher nicht mehr so respektvoll der Politik gegenüber wie in der Vergangenheit. Das ist gut. Wir sind nicht mehr so unwissend und leicht zu manipulieren. Aber das isoliert uns auch.

Zur Person

Colin Crouch

Der britische Politologe ist mit seinen Thesen zur Postdemokratie bekannt geworden. Im Bruno Kreisky-Forum stellte Crouch unlängst sein neues Buch "Die bezifferte Welt" (Suhrkamp, 22,60 Euro, 250 Seiten) vor, das davon handelt, wie der Neoliberalismus zum Feind des Wissens wurde. Crouch führt darin Beispiele an, wie der Effizienz-Gedanke an die Stelle der Problemlösung getreten sei. Im Wiener Passagen Verlag sind die Crouch-Bücher "Markt und Moral" und "Jenseits des Neoliberalismus" erschienen.