• vom 30.11.2015, 17:55 Uhr

International

Update: 30.11.2015, 18:22 Uhr

Kosovo

"In unserem Land geht es ums Überleben"




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Von Daniela Schroeder

  • Von einer Energiewende ist im Kosovo nichts zu spüren: Man setzt weiter auf Braunkohle.





Prishtina. Als die Abenddämmerung anbricht, beginnt das Kraftwerk zu glitzern und zu funkeln, bunte Lichter blinken in der Dunkelheit, Scheinwerfer tauchen den Koloss in eine helle Hülle. "Toll, oder?", fragt Dennis Mustafa, schaut und schweigt. Plötzlich lacht er. "In der Nacht ist das Kraftwerk kein Kraftwerk", sagt er und grinst. "Nachts ist es unser Eiffelturm. Wenn es dunkel ist, sieht das Ding so schön aus, dass du den Dreck hier ganz vergisst."

Für ein Eiffelturm-Gefühl braucht es viel Phantasie, denn Dreck gibt es reichlich in Plemetina, eine Siedlung aus Häuschen und Hütten am Rande von Obilic, eine Kleinstadt zehn Kilometer nordwestlich von Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo. Der Abendhimmel ist sternenklar, doch die Luft voll Staub. Am nächsten Morgen knallblauer Himmel und strahlende Sonne, aber Plemetina liegt im Dunst wie eine Großstadt voller Autos. In der Wäsche, die Mustafas Mutter vor dem Frühstück auf die Leine hängt, sitzt kurz nach dem Frühstück ein Grauschleier; die Salatköpfe und Tomatenpflanzen im Vorgarten tragen eine dicke bräunliche Staubschicht.


Rund um die Uhr quellen dichte Rauchwolken aus den Schornsteinen des Braunkohlekraftwerks, "Kosova B" genannt, nur gut einen Kilometer von Plemetina entfernt. Fünf Minuten Autofahrt Richtung Pristina steht das zweite Kohlekraftwerk des Landes, "Kosova A". Jahrzehntelang deckten die beiden Meiler fast den kompletten Energieverbrauch, mittlerweile sind sie so marode, dass der Kosovo je nach Wetter bis zu 40 Prozent Strom aus dem benachbarten Albanien zukaufen muss. Stromausfälle sind nicht die Ausnahme, sie sind der Alltag. "Wir leben neben den Kraftwerken und trotzdem haben wir manchmal nur drei Stunden Strom am Tag", erzählt Mustafa. In der kalten Jahreszeit heizen die Kosovaren mit Holz, auch Pristina riecht im Winter nur nach Lagerfeuer.

Hohe Krebsrate
Beide Kraftwerke stammen noch aus den Zeiten des alten Jugoslawien: B wurde in den 1980ern gebaut, A ging bereits in den 60ern in Betrieb. Zwei Energie-Dinosaurier, deren Zeit längst abgelaufen ist. Längst abgelaufen sein sollte. Schon vor Jahren bezeichnete die Weltbank Kosova A als die "größte punktuelle Quelle für Umweltverschmutzung in Europa" - die schlimmste Dreckschleuder auf dem Kontinent. Denn die beiden Kraftwerke verbrennen einen Typ Braunkohle, der wenig Energie enthält und daher in großen Mengen verheizt werden muss. Entsprechend hoch sind die Treibhausgas-Werte: Kosovo - knapp 1,9 Millionen Einwohner auf einer Fläche halb so groß wie Rheinland-Pfalz - gilt als die am stärksten belastete Region Europas.

Die Menschen im Kosovo leiden seit Jahrzehnten unter ihrem Energiesektor. Doch ihre Politiker und deren internationale Partner setzen auch beim künftigen Kurs auf die alte Energiequelle. Zusammen mit der US-Regierung und der Weltbank plant Prishtina den Bau eines neuen Kohlekraftwerks. Gleichzeitig will die deutsche Kanzlerin das alte Kraftwerk durch ein deutsches Unternehmen sanieren lassen.

Der endgültige Entscheid steht noch aus. Doch fest steht schon jetzt: Die dreckige Braunkohle von gestern ist im jüngsten Balkanstaat auch der wichtigste Energieträger von morgen. Denn das arme Kosovo ist zugleich reich. Im Boden des Landes schlummern riesige Vorräte Braunkohle, sie gelten als eines der größten Vorkommen der Welt. Mehr als zwölf Milliarden Tonnen sollen es sein - damit könnte sich der Kosovo über Jahrhunderte mit Energie versorgen.

"Die Zukunft ist braun" - mit diesem Motto ist der jüngste Balkanstaat allerdings kein Einzelfall. Auch Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Montenegro investieren massiv in ihre Kohleindustrien. Fast die Hälfte der künftigen Energieproduktion auf dem Balkan soll aus Kohlekraft kommen. Während die wichtigsten Industrienationen offiziell eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft schaffen wollen, um die schlimmsten Folgen des globalen Klimawandels zu verhindern, gehen Regierungen in Südosteuropa genau in die andere Richtung und legen sich für die kommenden Jahrzehnte auf den schmutzigsten Energieträger fest.

Dabei sind die Probleme mit der Kohle massiv. Das Schlimmste sind die Gesundheitsschäden. Braunkohle setzt beim Verbrennen etliche giftige Schwermetalle frei, darunter Quecksilber, Blei, Cadmium, Nickel und Arsen, dazu kommen Feinstaub-Emissionen, außerdem enthält die Kohle radioaktives Material wie Uran. In Plemetina, wo Dennis Mustafa, 18, mit Eltern, zwei Schwestern und einer Oma wohnt, sterben die Menschen mittlerweile bevor sie 60 sind, in fast jeder Familie ist jemand an Krebs erkrankt.

Eine offizielle Gesundheitsstatistik existiert im Kosovo bisher nicht, die Behörden haben gerade erst begonnen, Daten zusammenzutragen. Doch lokale Mediziner sammeln längst eigene Zahlen. Ein Drittel der schwer erkrankten Patienten im Gesundheitszentrum von Obilic wohnt in der Nähe der Kraftwerke; der Leiter des lokalen Instituts für Arbeitsmedizin berichtet, dass die Arbeiter der Kohlemine im Durchschnitt nur 50 Jahre alt werden. "Unsere Krebstoten sind immer jünger", bestätigt die Ärztin Rukije Mehmeti, seit 30 Jahren arbeitet sie im Universitätsklinikum Pristina.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-11-30 17:59:06
Letzte Änderung am 2015-11-30 18:22:51


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