Wien. Der Kampf der Förderländer um Marktanteile treibt den Ölpreis von einem Tief zum nächsten. Die OPEC-Staaten fluten den Weltmarkt mit Öl, um Konkurrenten mit höheren Förderkosten aus dem Markt zu drängen. Die wichtige US-Sorte WTI ist am Montag in New York erstmals seit Februar 2009 unter die Marke von 35 Dollar pro Fass gefallen.

WTI-Futures verbilligten sich um 1,8 Prozent auf 34,99 Dollar - der niedrigste Stand seit 19. Februar 2009, wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg meldete. Vergangene Woche ist der Rohölpreis um fast 11 Prozent abgesackt, das war das größte Minus binnen eines Jahres.

Iran steigert Förderung

Vor allem die bevorstehende Rückkehr des Iran an den Weltmarkt setzt dem Ölhandel zu. Angeblich haben die Machthaber in Teheran die Absicht, bereits vor der Aufhebung der Sanktionen weit mehr Rohöl als bisher zu exportieren. Insider sprechen von 1,26 Millionen Barrel pro Tag. Dies wäre ein Viertel mehr als noch vor zwei Monaten.

Ein weiterer wichtiger Grund für die Talfahrt ist das überschüssige Angebot als Folge eines Machtkampfs zwischen dem Ölkartell OPEC und Fracking-Produzenten aus den USA. Bei der Schieferöl-Gewinnung wird der Rohstoff mithilfe des umstrittenen Fracking-Verfahrens unter hohem technischen und finanziellen Aufwand aus dem Gestein gelöst.Gleichzeitig wächst die weltweite Nachfrage konjunkturell bedingt nur schwach.

Keine Förderkürzungen in Sicht

Einige OPEC-Staaten wie Saudi-Arabien wollen anders als in früheren Jahrzehnten die Preise nicht mit Förderkürzungen stabilisieren. Sie fahren stattdessen die Produktion hoch und gewähren Kunden Rabatte, um ihre Marktanteile zu verteidigen und Konkurrenten mit höheren Förderkosten aus dem Markt zu drängen. Anfang Dezember betonte das Kartell, an dieser Politik festzuhalten und den Weltmarkt weiter mit Öl zu fluten.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Experten von Goldman Sachs erwarten gar, dass sich der Preis für die US-Ölsorte WTI 2016 auf 20 Dollar (18,27 Euro) je Barrel (159 Liter) nahezu halbiert.

Mit ihrer Ölpreisprognose liegen die Goldman-Analysten aber weit weg von der Mehrheitsmeinung. Im Schnitt sehen von der Agentur Reuters befragte Analysten den Brent-Preis im kommenden Jahr bei 57,90 Dollar und WTI bei 52,80 Dollar.

Deflationsgefahr und Konjunkturförderung

Die Auswirkungen des tiefen Ölpreises sind zwiespältig. Den Rohstoffkonzernen macht der Preisverfall schwer zu schaffen. Allein der Börsenwert der Ölförderer schrumpfte in den vergangenen eineinhalb Jahren um insgesamt mehr als eine Billion Dollar. Das entspricht in etwa der aktuellen Marktkapitalisierung der 30 Dax-Werte und übersteigt die jährliche Wirtschaftsleistung der Niederlande.

Die rückläufigen Energiepreise dämpfen außerdem die Inflation. Dies zwingt die Europäische Zentralbank (EZB) dazu, mit immer neuen Geldspritzen die Teuerungsrate in Richtung ihrer Zielmarke von knapp zwei Prozent zu treiben. Sonst droht die sogenannte Deflation, eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen.

Der Ölpreisverfall wirkt aber auch wie ein Konjunkturprogramm. Unternehmen bleibt Spielraum für Investitionen, Verbrauchern mehr Geld für den Konsum. In Österreich ersparen sich die Autofahrer heuer rund 1 Mrd. Euro an Spritkosten, wie der Fachverband der Mineralölindustrie errechnete.

Für die Umwelt ist billiges Öl in jedem Fall schlecht. Umweltschützer erwarten höhere Treibhausgas-Emissionen. Die Wifo-Energieexpertin Angela Köppl vermutet eine Art Panikblüte hinter der ungehemmten Ölförderung: Sollten die Ölförderländer nach dem Pariser Weltklima-Gipfel erkennen, dass sie wegen der CO2-Senkungsziele künftig eine abnehmende Nachfrage befürchten müssen, könnte eine Strategie sein, noch so viel Ölmengen wie möglich abzusetzen - eventuell auch über niedrigere Preise.