Wolfsburg/Detroit. (rs) Leicht hatten es die Wolfsburger in Detroit nie gehabt. Bei der wichtigsten Automesse auf dem amerikanischen Kontinent stand VW trotz der eigens für den US-Markt entwickelten Modelle stets im Schatten von GM, Ford und Chrysler, die mit ihren schwergewichtigen Pick-up-Trucks den Nerv der heimischen Kundschaft viel präziser trafen. Da half auch die groß angelegte deutsche Diesel-Offensive wenig, die hochentwickelten Selbstzünder wurden in den USA eher als weitere Spielart eines exotischen Motorenkonzepts wahrgenommen denn als innovative Zukunftstechnologie.

Wenn die diesjährige Detroit Auto Show nun am Montag für Analysten und Journalisten ihre Türen öffnet, wird es für VW allerdings noch viel schwieriger werden. Denn in der amerikanischen Automobilhauptstadt dürfte es weniger um neue Modelle oder die Vernetzung von Fahrzeugen gehen als um den VW-Abgasskandal, der vor vier Monaten in den USA seinen Ausgang genommen hat und dort noch immer hohe Wellen schlägt. Laut der US-Umweltbehörde EPA gibt es trotz wochenlanger Gespräche bis heute noch keinen befriedigenden Plan, wie die rund 500.000 Diesel-Autos, bei denen die Abgaswerte auf dem Prüfstand geschönt wurden, wieder in Einklang mit dem Gesetz gebracht werden können. Haken dürfte es vor allem daran, dass der technische Aufwand in den USA wegen der deutlich strengeren Abgasnormen viel größer ist als in Europa. Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge geht Volkswagen mittlerweile sogar schon davon aus, dass 115.000 Fahrzeuge zurückgekauft werden müssen.

Wenn VW-Vorstandschef Matthias Müller in Detroit seinen ersten großen Auftritt in den USA absolviert, wird es aber nicht nur um die technische Bereinigung des Abgasskandals gehen, sondern vor allem um die Aufbesserung des schwer ramponierten Images. Für seine Termine auf der Branchenmesse und danach in Washington hat der Konzernchef eine Mischung aus gesenktem Kopf und erhobenem Haupt angekündigt. Auf die Knie fallen werde er nicht, sagte der Manager. "Ich werde mich natürlich noch einmal für die Dinge entschuldigen, aber ich werde auch optimistisch und selbstbewusst den Blick nach vorne richten."

Milliardenstrafen drohen

Dass Müller das Büßerhemd überstreift, dürfte vor allem auch in Hinblick auf die drohenden Strafzahlungen und Schadenersatzklagen sinnvoll sein. Erst am Mittwoch hatte das US-Justizministerium Europas größten Autobauer wegen Verletzung des Clean Air Acts geklagt. Pro betroffenes Fahrzeug drohen dabei Geldbußen von bis zu 37.500 Dollar, im schlimmsten Fall könnten sich die Verstöße gegen das älteste Luftreinhaltegesetz der USA damit auf bis zu 48 Milliarden Dollar summieren. "Wenn nun VW dem Gericht zeigt, dass sie alles Erdenkliche tun für die betroffenen Kunden, dann hätte das positiven Einfluss auf einen zu erwartenden Vergleich", sagt Arndt Ellinghorst, Analyst von Evercore ISI. Schon in der Vergangenheit waren in ähnlich gelagerten Fällen trotz sehr hoher Forderungen am Ende nur vergleichsweise niedrige Geldbußen verhängt worden.

Ein schwieriger Boden dürften die USA für VW aber auch dann bleiben, wenn man vor Gericht mit einem blauen Auge davonkommt. Denn Experten erwarten für 2016 eine Stagnation am amerikanischen Automarkt, die den strauchelnden Konzern aus Wolfsburg wohl noch deutlich härter treffen dürfte als die Big Three aus der Region Detroit.