Die Idee der Teilprivatisierung von Staatskonzernen ist nicht neu - schon 2012 war davon die Rede, unter anderem ein Aktienpaket von Rosneft an die Börse zu bringen. Doch der mächtige Ex-KGB-Mann und enge Putin-Freund, Vorstandschef Igor Sechin, hatte sich damals mit dem Argument quergelegt, man solle abwarten, bis für das zu 70 Prozent in Staatsbesitz befindliche Unternehmen ein besserer Preis erzielt werden könne. Inzwischen ist die Aktie wegen des niedrigen Ölpreises weniger wert als damals.

Doch Präsident Putin steht unter Druck. Im Herbst 2016 stehen Parlamentswahlen an, im März 2018 Präsidentenwahlen, bei der sich der 65-Jährige für eine weitere Amtszeit bestätigen lassen will. Drastische Kürzungen im Pensions- oder Sozialsystem über die bereits einbudgetierten hinaus könnten neue Massenproteste provozieren, den Sieg der Regierungspartei Einiges Russland und seine Wiederwahl gefährden. Putin braucht Geld.

Andererseits weiß der Kremlchef, dass Privatisierungen in Russland äußerst traumatische Erinnerungen an die Neunzigerjahre hervorrufen, als sich die Oligarchen in spe in der Jelzin-Ära das Staatssilber für einen Spottpreis unter den Nagel rissen, während das russische Volk wegen des dadurch mitausgelösten Rubel-Crashs fast seine gesamten Ersparnisse verlor. "Es sollten keine Aktien für einen Hungerlohn oder zu Schleuderpreisen verkauft werden", warnte Putin denn auch, als er am Montag die Firmenchefs und zuständigen Minister zusammentrommelte.

Analysten glauben nicht, dass die Summe von 12,5 Milliarden Dollar einfach zu lukrieren sein werde. Alexej Dewjatow, Chefökonom der UralSib-Bank, etwa bezweifelt, dass es genügend Investoren gibt. Rosneft, Sberbank, VTB - das seien alles Unternehmen, die mit westlichen Sanktionen belegt seien. Der russsische Staat müsste vermutlich selbst die Teilprivatisierung vorfinanzieren, sagt Maxim Osadschij, Analysechef bei der Corporate Finance Bank in Moskau, der "Moscow Times". Groß ist zudem die Befürchtung, dass die jüngste Privatisierungsoffensive der Korruption in der Macht- und Wirtschaftselite Tür und Tor öffne. Der Rechnungshof kritisierte diesbezüglich schon 2014 mangelhafte Transparenz. Dewjatow glaubt aber ohnehin nicht, dass es zur Veräußerung von Staatsbesitz kommt. Die Regierung werde sich "durchwursteln", der Börsegang sei nur für sie nur der allerletzte Notnagel, sagt er der "Moscow Times."

Interesse an Russlands Wirtschaft kann man zumindest Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) nicht absprechen, der sich derzeit an der Spitze einer Wirtschaftsdelegation in Moskau befindet, darunter OMV-Chef Rainer Seele. Im Rahmen der "Gemischten Kommission für Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit" vereinbarte er eine Ausweitung der bilateralen "Modernisierungspartnerschaft", die jetzt 26 Vorhaben mit einem Investitionsvolumen von vier Milliarden Euro umfasst. Seine Reise trotz EU-Wirtschaftssanktionen verteidigte er gegen Kritik. "Wir führen einen konstruktiven Dialog, um die Investitionen und Exporte heimischer Unternehmen zu unterstützen."