Brüssel. (rs) Dass einfache Arbeiter und Spitzenmanager im selben Demonstrationszug marschieren, ist schon für sich ein Ereignis mit Seltenheitswert. Und noch viel mehr gilt das wohl für die Stahlindustrie, wo Tarifkonflikte zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite mitunter auch recht ruppig verhandelt werden. Doch angesichts des schwierigen Fahrwassers, in dem sich die Branche derzeit befindet, sind die alten Rivalitäten offenbar in den Hintergrund getreten. In der 180 Köpfe zählenden Delegation der Voestalpine, die am Montag zusammen mit knapp 5000 anderen Vertretern der europäischen Stahlbranche zum Gebäude der EU-Kommission in Brüssel gezogen ist, um gegen ausländische Billigkonkurrenz zu protestieren, waren auch die beiden Vorstände Herbert Eibensteiner und Franz Kainersdorfer vertreten.

Arbeitnehmer und Arbeitgeber eint vor allem ein gemeinsamer Gegner. China hat angesichts seiner gewaltigen wirtschaftlichen Aufholjagd in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch seine Stahlindustrie massiv ausgebaut. Heute ist die Volksrepublik zwar der mit Abstand weltgrößte Stahlproduzent, doch die Nachfrage ist bei weitem nicht mehr so stark wie in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende, als das Land noch mit Wachstumsraten von mehr als zehn Prozent glänzte. Und auch der von der Kommunistischen Partei verordnete Übergang von der exportorientierten globalen Werkbank hin zu einer mehr auf Nachhaltigkeit abzielenden Binnenwirtschaft hat zuletzt deutliche Spuren hinterlassen. Schätzungen zufolge sitzt China auf einer Überproduktion von 340 Millionen Tonnen.

Um die enormen Bestände abzubauen, waren die chinesischen Hersteller zuletzt stark auf den EU-Markt gedrängt. Und das mit Preisen, bei denen die europäischen Konkurrenten kaum mithalten können. "Wir sind überzeugt, dass die europäische Stahlindustrie von den Chinesen schwer attackiert wird", sagte der Frankreich-Chef des Stahlriesen ArcelorMittal, Philippe Darmayan, am Montag. Die europäischen Stahlproduzenten hatten den Chinesen zuletzt auch immer wieder vorgeworfen, ihre Stahlsorten unter den Herstellungskosten auf den EU-Markt zu bringen. "Das ist Dumping", sagte der Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer, Greet van Poelvoorde, am Montag in Brüssel.

Höhere Strafzölle gefordert


Wie stark der europäische Stahlsektor mittlerweile unter Druck steht, zeigen nicht nur die 40.000 Arbeitsplätze, die in den vergangenen Jahren verloren gegangen sind, sondern auch die in der Vorwoche veröffentlichen Zahlen zweier Branchenflagschiffe. So musste der Weltmarktführer ArcelorMittal 2015 einen Verlust von 7,9 Milliarden Dollar verbuchen. ThyssenKrupp verzeichnete von Anfang Oktober 2015 bis Ende Dezember 2015 ein Minus von 23 Millionen Euro. Im Vorjahresquartal hatte es noch einen Gewinn von 50 Millionen gegeben.

Um die durch die billige Konkurrenz in Bedrängnis geratene Branche zu schützen, hat die EU-Kommission schon in mehreren Fällen Strafzölle wegen Dumpings verhängt. Aus Sicht von Eurofer-Chef van Poelvoorde ist das alles jedoch zu wenig und dauert zu lang. Die EU müsse viel schneller agieren. Doch auch höhere Schutzzölle und raschere Verfahren werden wohl nicht jenes Grundproblem lösen, mit dem der europäische Sektor laut Experten noch immer kämpft. So ist in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der Großkonzerne zwar von 27 auf 7 geschrumpft, die Konsolidierung erfolgte aber großteils über Zusammenlegungen, wodurch die bestehenden Überkapazitäten erhalten blieben. Zudem werden immer noch zu viele Standardprodukte hergestellt.