Seattle. (wak) Dem Klick auf "Niedrige Preise, Riesenauswahl" folgt noch immer unausweichlich "Ähnliche Artikel, wie die, die Sie sich angesehen haben".

Mit diesen simplen Verlockungen begann das Amazon Imperium: Ein Online-Versandhandel, der zum Stöbern nicht nur aufruft, sondern einen dank ausgeklügelter Algorithmen auch anstupst, was man sonst noch alles brauchen könnte, und auch etwaige Empfehlungen ausspricht. Und natürlich zu Weihnachten einem das lästige Gedränge auf den Einkaufstraßen offline erspart.

Doch auch wenn Amazon noch immer als Versandhandel gilt, ist das Unternehmen mit Sitz in Seattle weit mehr: Es sucht sich neue Wachstumssparten und greift dort unbarmherzig seine Kontrahenten an.

Die ganze Welt redet über die Renaissance des Fernsehens, allerdings als On-Demand-Angebot? Die Geburtsstunde von Netflix? Amazon kontert und eröffnet selbst Streaming-Dienste für seine Premium-Kunden. Doch nur bei den großen Filmstudios einkaufen und als Verteiler fungieren reicht nicht: Amazon hob bereits 2010 "Amazon Studios" aus der Taufe und fing an, eigene Filme und Serien zu produzieren. Mit der Serie "Transparent", deren dritte Staffel gerade gedreht wird, konnte Amazon als erster Streaming-Dienst - vor Netflix und Hulu - die begehrten Golden Globes in wichtigen Kategorien wie beste Serie und bester Hauptdarsteller gewinnen.

Diese Woche erklärte Amazon, man wolle die Studio-Sparte nun noch ausbauen und mehr Geld in eigene TV- und Filmproduktionen stecken. "Wir spüren, dass das Programm funktioniert", sagte Amazon-Finanzchef Brian Olsavsky. "Wir werden unsere Ausgaben in diesem Bereich erheblich erhöhen."

Doch Hollywood ist nicht das einzige Feld, das sich Amazon zu eigen macht: Auch auf dem Gebiet der Datenspeicherung via Cloud Computing bläst der Konzern zum Angriff. Die Auslagerung von Speicher und Software-Diensten ins Internet war bisher die Domäne von Microsoft und Google - heute liegt Amazon in dem Zukunftsmarkt laut Beobachtern deutlich vor seinen Rivalen.

Verdreifachung des Gewinns
im Cloud-Geschäft


Im ersten Quartal 2016 machte der Umsatz-Zuwachs beim Cloud Computing sagenhafte 64 Prozent aus - auf 2,6 Milliarden Dollar. Den operative Gewinn konnte Amazon hier auf 604 Millionen Dollar mehr als verdreifachen.

Amazon hat auf seine Hardware, die "Amazon-Geräte" (etwa Kindle) gleich vorsorglich sein Cloud Drive vorinstalliert, auf fremde Geräte kann man sich jederzeit die App herunterladen und so gleich über die Musik, die man über Amazon gekauft hat, auf seinem Gerät verfügen.

Insgesamt verdiente der Online-Riese im ersten Quartal mit 513 Millionen Dollar fast doppelt so viel, wie von Experten erwartet worden war. Im Jahr zuvor stand noch ein Verlust von 57 Millionen Dollar in den Büchern. Doch mit dem jetzigen Ergebnis erzielte US-Konzern das vierte Quartal in Folge einen Gewinn.

Der Umsatz schnellte um 28 Prozent auf 29,1 Milliarden Dollar in die Höhe - so stark wie seit vier Jahren nicht mehr. Rege gefragt seien eigene Produkte gewesen, wie die Fire-Tablets, der Fire-TV-Stick zum Übertragen von Multimedia-Daten und vernetzte Echo-Lautsprecher, erläuterte Amazon-Chef Jeff Bezos bei der Präsentation der Ergebnisse.

Viel Geld wanderte in der Vergangenheit auch in den Ausbau der eigenen Lkw-Flotte, der Logistikzentren, in schnellere Lieferzeiten und neue Mitarbeiter. Ähnlich wie Google testet Amazon auch die Auslieferung per Drohnen. Dafür nahm Bezos auch immer wieder Verluste oder nur geringe Gewinne in Kauf, was ihm Kritik von Investoren einbrachte.

Die Quartalsbilanz sorgte nun für mehr als Beruhigung unter den Anlegern.

In Deutschland hat Amazon allerdings seit längerem Ärger. Hier liegt der Konzern mit Verdi im Streit. Die Gewerkschaft fordert für die Amazon-Mitarbeiter höhere Löhne sowie tarifliche Regelungen wie im Einzel- und Versandhandel. Amazon nimmt indes die Logistikbranche als Maßstab, in der weniger gezahlt wird.