Das AKW Brokdorf bleibt längstens bis Ende 2021 in Betrieb.
Das AKW Brokdorf bleibt längstens bis Ende 2021 in Betrieb.

Essen. (da/reu/dpa) Kurz und schmerzvoll machte es Michael Sen: "Zehn Milliarden Euro geht an Geld ab", sagte der Finanzchef des deutschen Energiekonzerns E.ON am Mittwoch. So hoch wird der Kostenanteil des Essener Unternehmens laut dessen ersten Schätzungen am Kompromissvorschlag der Atomkommission sein. Diese hatte Ende April vorgeschlagen, dass die vier Stromkonzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW bis 2022 rund 23,3 Milliarden Euro in einen staatlichen Fonds überweisen, der die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll managen würde. Im Gegenzug soll der Staat dafür die Haftung übernehmen.

An drei Viertel der AKW in Betrieb beteiligt

Mehr als ein Dutzend Atomkraftwerke in Deutschland besitzt E.ON noch oder ist daran beteiligt. Sie waren über Jahrzehnte Garant für Gewinne in Milliardenhöhe. Doch mit der AKW-Katastrophe von Fukushima 2011 und dem von der deutschen Regierung daraufhin beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie hat sich das Blatt gewendet. Mittlerweile sind bundesweit nur noch acht Meiler in Betrieb. An gleich sechs von ihnen ist E.ON beteiligt, bei vier Kernkraftwerken halten die Essener 75 Prozent oder mehr der jeweiligen Anteile. Weitere sieben Atomkraftwerke, die E.ON vollständig oder zum Teil gehören, wurden vom Netz genommen oder werden bereits rückgebaut.

Angesichts der dramatischen Umwälzung des Energiesektors verpasst sich E.ON eine neue Konzernstruktur. Am 8. Juni entscheiden die Aktionäre bei der Hauptversammlung über die Aufspaltung. Der Hauptkonzern wird sich dann auf Ökostrom, Netze sowie Vertrieb konzentrieren und die deutschen Atomkraftwerke weiter betreiben. Das defizitäre Geschäft mit Gaskraftwerken sowie der Energiehandel und das politisch heikle Geschäftsfeld mit Kohlekraftwerken sind bereits operativ in der neuen Tochter Uniper abgetrennt. Diese soll im Herbst an der Börse notieren.

Angesichts der bevorstehenden Aufspaltung hat E.ON im vergangenen Jahr enorme Summen abgeschrieben und daher sieben Milliarden Euro Verlust gemacht. Die am Mittwoch präsentierten Zahlen für das erste Quartal 2016 brachte zwar einen um Bewertungseffekte bereinigten Nettogewinn auf 1,3 Milliarden Euro, 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allerdings trug der Sondergewinn von rund 400 Millionen Euro aus neu verhandelten Lieferverträgen mit dem russischen Gasriesen Gazprom spürbar zum Plus bei. Auf der anderen Seite sackte der operative Gewinn der Großkraftwerke um fast 30 Prozent ab, denn der Verfall der Strompreise setzte sich in den ersten drei Monaten 2016 fort.

Aktienkurs seit 2011 um 60 Prozent gesunken

Wie E.ON die Milliarden-Belastung der Zwischen- und Endlagerung des Atommülls finanziert, ist im Konzern noch nicht ausgemachte Sache. Finanzchef Sen verwies darauf, dass der Konzern zwar über liquide Mittel in Milliardenhöhe verfüge, dennoch müsse der Versorger womöglich Zukunftsinvestitionen verschieben und zusätzliche Kosten einsparen. Auch eine Kapitalerhöhung steht im Raum: "Es ist verfrüht zu sagen, dass wir etwas derartiges ergreifen würden. Gleichwohl ist es nicht mehr ausgeschlossen."

Die Börsianer quittierten Sens Ankündigungen mit einer Flucht aus dem Titel, E.ON verlor rund sieben Prozent. Noch schlimmer dran sind Anleger, die seit der Fukushima-Katastrophe an Bord sind: In den vergangenen fünf Jahren ist der Aktienkurs von E.ON um 60 Prozent gefallen. Bei Konkurrent RWE beträgt das Minus sogar mehr als 70 Prozent.