Der globale Kapitalismus steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise.

Martin Wolf in der Villa des ehemaligen SP-Bundeskanzlers Bruno Kreisky in der Armbrustergasse in Wien-Döbling. - © Luzia Puiu
Martin Wolf in der Villa des ehemaligen SP-Bundeskanzlers Bruno Kreisky in der Armbrustergasse in Wien-Döbling. - © Luzia Puiu

Vor allem aber die Eliten. In unseren Gesellschaften sind die Beziehungen zwischen den Machteliten und dem Volk sehr stark abhängig von Konsens. Früher wurde die gesellschaftliche Ordnung durch Unterdrückung aufrechterhalten. Aber je mehr sich die Staaten zu Demokratien entwickelten, desto mehr waren die Machthaber auf Konsens angewiesen. Damit die Menschen aber die Legitimität der Eliten akzeptieren, müssen Sie von zwei Dingen überzeugt sein: Sie müssen erstens ihre politischen Führer in einem fairen Prozess aussuchen können. Und die Bürger müssen zweitens der Meinung sein, dass die Vertreter der Eliten kompetent sind. In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren haben die politische Klasse und die Vertreter der Wirtschaftseliten aber die Aura der Kompetenz verloren. Sie waren von den Entwicklungen in der Finanzkrise und was danach kam völlig überfordert. Zudem hegen viele Bürger das Gefühl, dass die Vertreter der Eliten nicht legitim sind, weil sie sie im Grunde für Gauner halten. Viele Bürger hegen den Verdacht, dass eine Reihe von Vertretern der Wirtschaftseliten ihr Geld durch Gaunereien und weniger durch harte Arbeit erworben haben. Natürlich, Apple-Gründer Steve Jobs oder Microsoft-Gründer Bill Gates sind damit nicht gemeint, sondern es gibt einen Generalverdacht gegen Banker und Manager. Den Vertretern der politischen Klasse wird wiederum vorgeworfen, dass sie politische Macht für ihre eigenen Interessen missbraucht haben. In den USA habe ich einen Kleber auf einer Stoßstange gesehen, auf dem zu lesen war: "Wo ist mein Bailout?" Eine gute Frage: Tausende Menschen haben in den USA ihr Haus verloren. Vor diesem Hintergrund haben es populistische Führer, die vorgeben, das nationale Interesse im Auge zu haben und die Bürger des Landes vor den Folgen der Globalisierung zu "beschützen", einfach. Donald Trump ist freilich eine sehr unplausible Figur, auf den die Enttäuschten und Unzufriedenen da ihre Hoffnung projizieren. Denn er vereint alle Charakteristika der korrupten Elite in sich. Aber die Masse hat das Gefühl, er versteht sie und tritt den Eliten ordentlich in den Hintern.

Kann Trump die Wahl gewinnen?

Ich bin kein Politikwissenschafter oder Prophet, ich weiß nicht, ob Donald Trump am 8. November die Wahl gewinnen kann. Aber ich glaube, dass seine Strategie nicht aufgehen wird: Kein anderer Politiker in den USA wird derart abgelehnt. Was ihn in den Augen seiner Fans so attraktiv erscheinen lässt, macht ihn in den Augen aller anderen extrem unattraktiv. Das gilt besonders für Frauen, die ja die Mehrheit der Wählerschaft ausmachen, für Latinos und Afroamerikaner. Freilich: Wenn es im Oktober einen furchtbaren Terroranschlag in den USA geben sollte, dann kann alles passieren, auch, dass Trump US-Präsident wird.

Wie erklärt man heute eigentlich einem Mitglied des chinesischen Politbüros angesichts der rechtspopulistischen Welle in Europa und des Donald-Trump-Phänomens in den USA, dass Demokratie trotz allem die beste Regierungsform ist?

Ich halte es da ganz mit Winston Churchill, der gesagt hat: "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind." Ich würde hinzufügen: Ist der chinesische Präsident Xi Jinping nicht selbst Populist? Oder wie sind das Säbelrasseln im Südchinesischen Meer, die Anti-Korruptions-Offensive plus eine Prise Xenophobie zu deuten? Wir leben in der Ära von populistischen Autokraten. Im Westen ist dieses Phänomen nicht so ausgeprägt wie in China, Russland oder der Türkei, aber auch in Europa und den USA treten solche Figuren auf die Bühne. Dennoch bin ich ein glühender Verteidiger der liberalen Demokratie. Die Unzufriedenheit der Menschen ist ein Warnsignal für die politischen Eliten. In autokratischen Systemen artikuliert sich die Unzufriedenheit lange Zeit nicht, die Machthaber ignorieren sie daher lange.

Wir befinden uns in einer Zeit der säkularen Stagnation, einer Phase von andauerndem, niedrigen Wirtschaftswachstum. Wie lebt es sich in so einer Realität?

Zuerst stellen wir uns die Frage: Sind wir zu niedrigem Wachstum verdammt? Ich befürchte, dass das das wahrscheinlichste Szenario ist. Die Demografie der Industrienationen ist einer der Gründe dafür und es fehlt in den Gesellschaften jede Akzeptanz dafür, diese Entwicklung mit einem höheren Grad an Immigration auszugleichen. Zweitens: Die Nachfrage schwächelt, daher gibt es keine Impulse, zu investieren. Drittens erleben wir seit Jahrzehnten einen Anstieg der sozialen Ungleichheit, was ebenfalls die Nachfrage dämpft. Viertens sind die Produktivitätszuwächse in den vergangenen Jahren immer niedriger und niedriger ausgefallen. In der Eurozone ist also für die kommenden Jahre ein Wachstum von 1,25 Prozent zu erwarten, in den USA vielleicht 1,75 Prozent. Und das ist viel niedriger als in den vergangenen Jahren. Die Verteilungsfrage wird in einer Welt des niedrigen Wachstums daher immer wichtiger werden. Ich kann zwei Bruchlinien erkennen: zwischen den Älteren und den Jüngeren und zwischen den Wohlhabenden und den weniger Wohlhabenden. In einer Zeit des Beinahe-null-Wachstums werden Verteilungsfragen aber zu einem Nullsummenspiel. Um jemanden Geld zu geben, muss man es zuerst jemand anderem wegnehmen. Ich fürchte, wir werden uns mit diesen Gedanken vertraut machen müssen.