Nachgefragt werden in dieser Situation "sichere Häfen" wie Gold oder Anleihen. Dort bleiben die als sicher geltenden zehnjährigen deutschen Titel gefragt. Bei diesen gibt es fallweise gerade noch 0,011 Prozent Rendite, der Rutsch unter die Marke von null Prozent ist für Börsianer nur noch eine Frage der Zeit. "Ein historisches Tief ist erreicht", bestätigt Brezinschek, "die Renditkurve in Deutschland ist im negativen Bereich". Demnächst, so der Banker, werde man dafür bezahlen müssen, wenn man dem Bund Geld leihen will.

Wenn die Verunsicherung steigt, reiben sich die Goldhändler die Hände: In Großbritannien steigt die Nachfrage nach dem Endelmetall, gemeldet wird ein Umsatzanstieg von 5 bis 10 Prozent. Der Goldpreis stand zuletzt bei über 900 Pfund pro Unze, gut 150 Pfund mehr als zu Jahresbeginn - so teuer wie schon seit drei Jahren nicht mehr.

Einige Anleger schichten ihr Geld auch in Schweizer Franken um. Das drückte den Kurs des Euro auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief.

Ein hoher Franken schadet allerdings der Schweizer Exportwirtschaft, die Notenbank tut alles, um einen Kursanstieg zu verhindern. Unterdessen hat die Brexit-Sorge auch die Schweizer Börse zu Wochenbeginn fest im Griff, der SMI sackte zuletzt ein.

Laut Wettbüros steigt Brexit-Wahrscheinlichkeit


Für das Lager der Pro-Europäer kam ein Blick auf die Quoten der britischen Wettbüros bislang einer Beruhigungspille gleich. Die Quoten deuteten auf einen stabilen, komfortablen Vorsprung der Brexit-Gegner hin.

Doch zehn Tage vor der Abstimmung ist das nicht mehr der Fall. Auch hier werden die Chancen auf einen Brexit jetzt so hoch eingeschätzt wie noch nie zuvor. Laut "Betfair" stieg die Wahrscheinlichkeit auf 36 Prozent, zuvor waren 22 gewesen. Der Buchmacher William Hill bietet Wettern, die auf einen Brexit setzen, nur noch die Hälfte des bisher in Aussicht gestellten Gewinns. Bei einem Wetteinsatz von vier Pfund sind das aber immer noch sieben Pfund zusätzlich.

Die Nerven flattern nicht nur in den Reihen der wohlhabenden Investoren, auch der "normale Bürger" ist verunsichert. Britische Brexit-Aktivisten nutzen das aus und setzen im Finale ihrer Kampagne auf Angstmache. Eine Gruppe von EU-Gegnern warnt die Briten via Twitter vor Gewalttaten wie zuletzt in Orlando/Florida mit 49 Toten. Ausweg sei der Austritt aus der EU.

Das Anti-EU-Lager setzt schon seit einiger Zeit auf das Ausländer-Thema, um die Unentschlossenen auf seine Seite zu ziehen. Eine effektive Abschottung gegenüber Fremden sei nur bei einem Austritt möglich, wird hier argumentiert. Das Pro-EU-Lager warnt vor wirtschaftlichen Konsequenzen, sollten die Briten der EU den Rücken kehren.