Brexit als erster Rückschritt in EU-Geschichte

Die Auswirkungen eines Brexit auf die EU wären ökonomisch nicht so wahnsinnig stark, erwartet Bayer. Großbritannien sei zwar - nach Deutschland - die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und der Rest der EU exportiere mehr nach Großbritannien als importiert werde. Aber ein britischer EU-Austritt wäre wohl trotzdem ein großer Schlag für die Union, die sich noch nicht von der Wirtschaftskrise erholt habe. Zur schon bestehenden Unsicherheit käme dann noch die Unsicherheit über das künftige Verhältnis der Briten zur EU. "In einer Zeit, wo die Unsicherheiten so groß sind und die Wirtschaft in der EU nicht wirklich wächst, ist ein Brexit Gift für alle - für die Engländer, aber sicher auch für die EU." Ein Austritt der Engländer wäre - seit den Gründungsakten in den 50-er Jahren - der erste wirkliche signifikante Rückschritt innerhalb des ganzen europäischen Integrationsprozesses.

Politisch betrachtet wäre ein Brexit "gigantisches Wasser auf die Mühlen der EU-Skeptiker", gibt Bayer zu bedenken. Die rechtsnationalen Parteien in Europa, die französische Front National, die FPÖ, die AfD in Deutschland und die Partei für die Freiheit (PVV) des Niederländers Gert Wilders würden sich schon jetzt die Hände reiben.

Der nationalistische Druck komme von rechts, ist Bayer überzeugt: In Österreich seien die einzigen wirklich EU-feindlichen die FPÖ. Die rechten Populisten würden gerne die EU zerschlagen: "Wenn Frankreich auch noch austräte, dann ist Feuer am Dach".

EU-Machtgefüge käme ins Ungleichgewicht

Außerdem würde sich schon mit einem Austritt der Briten das Macht- und Einflussgefüge innerhalb der EU massiv verschieben, statt drei großen Ländern - Deutschland, Frankreich und Großbritannien - würde dann Deutschlands Dominanz angesichts des geschwächten Frankreich noch stärker werden. "Ob das gut ist, dass sich ein großer deutscher Elefant draufsetzt und alles dominiert?" Bayer ortet diesbezüglich schon Angst der kleinen und kleineren Mitgliedsländer.

Die Auswirkungen eines Brexit auf die Beziehungen mit Irland seien schwer abzuschätzen, meint der Ökonom Bayer. Nach Ansicht mancher Beobachter würde dadurch sogar der nordirische Friedensprozess massiv infrage gestellt, weil dann innerhalb der irischen Insel eine EU-Außengrenze errichtet werden müsste. Republikaner in Nordirland, die einen Zusammenschluss mit Irland wollten, fühlten sich dann wohl abgeschnitten und würden vielleicht nicht mehr friedlich an einer Lösung des Konflikts mittun.