London. (rs) Die Zuversicht war in den Handelsräumen und den Büros der Großbanken fast schon körperlich greifbar gewesen. Am Tag der Brexit-Abstimmung hatten die Börsen weltweit mit satten Zugewinne geschlossen und als am späten Donnerstagabend auch noch Ukip-Chef Nigel Farage von einem möglichen Sieg des Pro-EU-Lagers sprach, schien die verordnete Nachtschicht endgültig zur Fingerfood-Party zu werden, bei der sich viel Geld verdienen lässt.

Wie gründlich man sich mit dieser Einschätzung verkalkuliert hat, wurde allerdings schon wenige Stunden später sichtbar. Mit dem überraschenden "Leave"-Votum der Briten wurde der Freitag zum Chaostag an den internationalen Finanzmärkten. Aus Angst vor einer nun drohenden Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Abkühlung der weltweiten Konjunktur rauschten die europäischen Aktienindizes die Tiefe. DAX und EuroStoxx50 brachen zur Eröffnung um jeweils etwa zehn Prozent ein. Der Londoner Auswahlindex FTSE verlor knapp neun Prozent. Auch wenn sich alle drei Indizes nachher wieder erholten, hat es seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 keine derart großen Kursrutsche gegeben. Europas schlimmster Alptraum sei wahr geworden, sagte etwa der Chefvolkswirt der Bank ING-Diba.

Am härtesten traf es am Freitag die Finanzwerte, die üblicherweise überdurchschnittlich auf Nachrichten rund um den Brexit reagieren. Der europäische Banken-Index verbuchte mit einem Minus von knapp 15 Prozent den größten Einbruch seiner Geschichte. Britische Geldhäuser wie Barclays oder Lloyds verloren zeitweise sogar jeweils 20 Prozent. Deutsche Bank und Commerzbank büßten etwa 18 Prozent ein. An der Wall Street schloss der Dow Jones Index um mehr als 600 Punkte oder knapp 3,4 Prozent tiefer, auch dort gerieten Bankaktien unter die Räder.

Auch Pfund Sterling und Euro stürzten anfangs so stark ab wie noch nie. Der Kurs der britischen Währung brach am Morgen um bis zu 11,1 Prozent ein und lag mit 1,3232 Dollar so niedrig wie zuletzt im September des Jahres 1985. Der Euro fiel um bis zu 4,1 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 1,0914 Dollar. Gegen abend grenzten sowohl das Pfund als auch der Euro ihre Verluste etwas ein. Gefragt waren sichere Anlagen wie Gold, Staatsanleihen oder der Schweizer Franken. Das Edelmetall verbuchte den größten Kurssprung seit 2008.

Notenbanken intervenieren


Die heftigen Finanzmarkt-Verwerfungen haben am Freitag auch die großen Notenbanken auf den Plan gerufen. Die Schweizer Nationalbank (SNB) intervenierte am Devisenmarkt, um dem starken Anstieg des Franken einzudämmen. Auch der britische Notenbankenchef Mark Carney versuchte am Freitagvormittag zu beschwichtigen. Man sei bereit, mehr als 250 Milliarden Pfund bereitzustellen, um die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten, sagt Carney in einer Fernsehansprache. Die EZB signalisierte ebenfalls ihre Handlungsbereitschaft, nannte aber keine konkreten Zahlen: Man sei bereit, "falls nötig, den Märkten zusätzliche Liquidität in Euro und anderen Währungen bereitzustellen", teilte die Notenbank am Freitag in Frankfurt mit. Als eines der schlimmsten Szenarien gilt unter Notenbankern, dass der Zugang zu fremden Währungen für Briten völlig austrocknet, weil ausländische Banken auf einmal nicht mehr bereit sind, gegen das taumelnde Pfund Devisen anzubieten.