• vom 30.06.2016, 12:00 Uhr

International


Konjunkturprognose

Konsum statt EU




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  • Die Länder Mittel-, Ost-, und Südeuropas werden in den nächsten zwei Jahren ein Wirtschaftswachstum von bis zu drei Prozent aufweisen.

0310-16-Konjunktur

© M. Hirsch 0310-16-Konjunktur© M. Hirsch

Wien. Überweisungen von im Ausland lebenden Polen in ihre Heimat machen derzeit 1,4 Prozent des polnischen Bruttoinlandsprodukts aus. Ein beträchtlicher Teil der Auslandspolen lebt und arbeitet im Vereinigten Königreich: nämlich 790.000 Personen. Die ungarische Tageszeitung "Nepszabadsag" berichtete am Mittwoch, dass aus Angst vor einer Schließung des britischen Arbeitsmarkts Ungarn verstärkt nach Jobs im Königreich suchen. In Großbritannien leben nach Schätzung der Budapester Regierung und der Medien 100.000 bis 200.000 Ungarn. Die Ungarn, die jetzt ihre Koffer packen wollen, hoffen darauf, dass die Arbeitserlaubnis für Ausländer nicht rückwirkend abgeschafft werde. Doch hier herrscht große Ungewissheit.

Abgesehen von den persönlichen Schicksalen und den Direktüberweisungen werden die unmittelbaren Auswirkungen des Brexits auf die mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder überschaubar sein. Das meint zumindest das auf die Region spezialisierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in seiner Sommerprognose. Nicht alle Länder sind eng mit Großbritannien verbunden.

Die längerfristigen Auswirkungen des Brexit-Entscheids könnten aber auch in den neuen EU-Ländern beträchtliche konjunkturelle Auswirkungen haben. Neben der ungeklärten Zukunft der in Großbritannien lebenden EU-Bürger sind die Folgen im Hinblick auf institutionelle Entwicklungen, Standortverlagerungen und die wirtschaftspolitische Ausrichtung der EU nicht abschätzbar.

Das WIIW geht in seiner aktuellen mittelfristigen Sommerprognose (die allerdings vor dem Brexit-Votum erstellt wurde) allerdings davon aus, dass die Länder Mittel-, Ost-und Südosteuropas in den Jahren 2016-2018 ein Wirtschaftswachstum von bis zu drei Prozent aufweisen. Dies ist bis zu 1,5 Prozentpunkte höher als das durchschnittliche Wachstum der Eurozone.

Dabei ist der Haushaltskonsum vor allem in den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten wachstumsbestimmend. Dort wird der Konsum voraussichtlich die EU-geförderten Investitionen als wichtigen Wachstumsfaktor ersetzen. Denn in der Anfangsphase von dem Topf des "mehrjährigen Finanzrahmens" der EU, der für die Zahlungen an strukturschwache Regionen genutzt wird, sind die Auszahlungen immer geringer als in späteren Jahren. Der derzeitige Finanzrahmen läuft von 2014 bis 2020.

In den Ländern des Westbalkans werden Investitionen und Nettoexporte wichtige Wachstumstreiber sein. In der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und der Ukraine scheine die Talsohle erreicht zu sein. Nach starken wirtschaftlichen Verlusten wegen des Ölpreisverfalls und den bewaffneten Konflikten werde wohl eine Phase der Stagnation folgen, bevor ein leichtes Wachstum erwartet werden könne.

Kritik an EU-Fiskalregeln
"Die rigiden EU-Fiskalregeln sind der größte Bremsklotz für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung in Europa", schreibt das WIIW. Zunehmend verfestige sich unter Ökonomen die Einsicht, dass eine lockere Geldpolitik alleine nicht zu einer Erholung führen wird, sondern dass es in der EU massive und koordinierte öffentliche Investitionen braucht, um die Erwartungshaltung der Wirtschaftsakteure zu verbessern und eine Trendwende bei den privaten Investitionen einzuleiten. Die Folgen des Brexit-Entscheids stellen allerdings ein zusätzliches großes Risiko für ganz Europa dar, vor allem aufgrund der damit verbundenen großen Unsicherheit. Sofortige Folgen auf den Finanzmärkten sind bereits eingetreten.

Österreich sollte ein Profiteur von der Erholung in den Ländern Mittel-, Ost-, und Südosteuropas sein, da es sich um wichtige Handelspartner handelt. Die gesamten Direktinvestitions-Einnahmen Österreichs in der Region sind auf jährlich mehr als zehn Milliarden Euro gestiegen. Um die heimische Wettbewerbsfähigkeit müsse man sich keine Sorgen machen, längerfristig steigen in der Nachbarregion die Löhne stärker als die Produktivität.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-29 18:20:07
Letzte Änderung am 2016-06-29 18:34:35



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