Der sogenannte Business-Feminismus "spricht eine Masse an, die den Status quo nicht in Frage stellt", sagt Roberts. - © Coca-Cola
Der sogenannte Business-Feminismus "spricht eine Masse an, die den Status quo nicht in Frage stellt", sagt Roberts. - © Coca-Cola

"Wiener Zeitung":Studien zufolge verhalten sich Frauen und Männer unterschiedlich - zum Beispiel, was die Risikobereitschaft angeht. Vor diesem Hintergrund haben Gremien wie die UNO empfohlen, mehr Frauen in die Regierungen zu holen, um das Korruptionsrisiko zu mindern.

Adrienne Roberts: Deshalb will man auch mehr Frauen in Konzernvorständen und an der Spitze von Banken. Es wird angenommen, dass Unternehmen und Staaten anders geführt würden, wenn mehr Frauen Machtpositionen innehätten. Die Ironie ist: Wir wissen es nicht, weil noch kein Staat von annähernd 50 Prozent Frauen geleitet wurde. Es reicht nicht, da und dort eine Frau an der Spitze zu haben - wie etwa IWF-Chefin Christine Lagarde oder die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Sie halten also wenig davon?

Das eigentliche Problem ist, dass man trotz solcher Maßnahmen die Strukturen nicht hinterfragt, innerhalb derer Frauen sich zu bewegen haben. Etwa im Bankwesen: Unser Finanzsystem stellt rein auf Profite ab. Hedgefonds, die keine überdurchschnittlichen Gewinne machen, verlieren ihre Investoren. Holt man Frauen, die weniger Risiken eingehen und dadurch kurzfristig weniger Profit machen, können sich diese an der Spitze solcher Institutionen ohnehin nicht durchsetzen. Die geschlechtsspezifischen Strukturen machen es ihnen unmöglich, etwas zu verändern.

Wozu brauchen wir feministische Ökonomie überhaupt?

Um uns über die Fragen, die der Mainstream stellt, hinwegzusetzen. Nämlich: Wie erhöhen wir das Bruttoinlandsprodukt (BIP)? Wie werden wir konkurrenzfähiger? Die Ökonomie hat einen engen Fragenpool, der äußerst selten mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat. Man tut alles, um das BIP zu erhöhen, überlegt sich aber nicht, ob man damit bestimmten Bevölkerungsgruppen schadet. Es heißt etwa, wir müssen mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integrieren, um die Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Das klingt toll, aber wer übernimmt dann die unbezahlte Arbeit wie etwa die der Kinderbetreuung? Diese Fragen werden nicht gestellt. Der Mainstream nimmt an, dass dies ausschließlich soziale und politische Probleme sind. Dabei ist offensichtlich, dass sie mit der Ökonomie in enger Verbindung stehen.

Was passiert denn momentan mit der Kinderbetreuung?

Global gesehen wird sie zunehmend privatisiert. Wer es sich leisten kann, zahlt dafür. Diejenigen, die das Glück haben, im fortschrittlicheren Europa zu leben, werden immerhin vom Staat unterstützt. In den USA, wo es praktisch keine finanzielle Unterstützung gibt, übernehmen immer häufiger Großeltern und andere Familienmitglieder diese Aufgabe- oder die Betreuung wird gar über Kredite finanziert.

Was hat die feministische Ökonomie zur "Panama Papers"-Affäre zu sagen?

Organisationen werfen der Schweizer Regierung vor, mit ihrer laxen Steuerpolitik international gegen Frauenrechte zu verstoßen, konkret gegen die Cedaw-Vereinbarung (UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, Anm.). Das leuchtet ein: Wenn Staaten weniger Steuern eintreiben, weil Unternehmen ihr Geld im Ausland verstecken, dann schadet das den ärmeren Schichten - in denen Frauen unverhältnismäßig stark vertreten sind.

Daraufhin erhöhen viele Staaten die Verbrauchssteuern, um wieder an Geld zu kommen. Und wir wissen, dass Verbrauchssteuern geschlechtsspezifische Auswirkungen haben. Weil Frauen - oder ärmere Schichten im Allgemeinen - einen größeren Anteil ihres Einkommens verbrauchen als vermögendere Schichten. Relativ gesehen tragen sie dadurch eine größere Last an dieser Steuererhöhung.

Sie haben sich in Ihrer Forschungsarbeit auf die Entwicklung des "transnationalen Business-Feminismus" spezialisiert. Was verstehen Sie darunter?

Das ist ein Zusammenschluss öffentlicher und privater Kräfte. Unternehmen investieren in Kampagnen zur Frauenförderung und arbeiten mit Banken und Finanzdienstleistern zusammen: Die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs etwa veröffentlichte "Womenomics". Diese Serie an wissenschaftlichen Arbeiten veranschaulicht, welche Investitionen in Frauen sich finanziell rentieren. Außerdem finanzieren Regierungen und überstaatliche Institutionen die privaten Kampagnen mit. All diese Gruppen sind Teil einer wachsenden Bewegung, die Feminismus als Geschäftsmodell begreifen.

Hat Goldman Sachs also auch mit feministischer Ökonomie zu tun?

Nein, solche Finanzdienstleister widmen sich der sogenannten "Ökonomie der Frauen": Sie wenden Standardmodelle an, um Frauen wissenschaftlich zu untersuchen. Sie analysieren, inwiefern sich Frauen anders verhalten als Männer, wie man mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt bringt und natürlich, wie man Profit daraus schlagen kann, ob als Staat oder als Unternehmen.

In der feministischen Ökonomie geht es um Macht. Diese Macht beginnt schon damit, wer in der Wissenschaft die Fragen stellt, die Daten erhebt und die Modelle entwirft. Außerdem konzentriert sie sich auf alltägliche Interaktionen. Schließlich gäbe es die Ökonomie gar nicht, wenn wir nicht täglich zur Arbeit gehen oder die nächste Generation der Erwerbstätigen erziehen würden - also bezahlte sowie unbezahlte Arbeit leisten und fordern würden.