Christine Lagarde unterstützt weiter Ceta und TTIP. - © afp/Getty/Angerer
Christine Lagarde unterstützt weiter Ceta und TTIP. - © afp/Getty/Angerer

Washington. (wak) Seit 2012 hat das Wachstum im globalen Handel mit Waren und Dienstleistungen deutlich abgenommen - mit im Schnitt drei Prozent ist es um mehr als die Hälfte geringer als in den vorangegangenen dreißig Jahre. Der Welthandel hat in den vergangenen Jahren mit der Entwicklung des globalen, addierten Bruttoinlandsprodukts kaum mithalten können.

Wirtschaftsforschern hat diese Entwicklung Rätsel aufgegeben. Bremsen das geringere Wirtschaftswachstum sowie die Zurückhaltung bei Investitionen den Welthandel ab? Oder sind Handelsbarrieren wie Zölle und dergleichen die Wurzel für die schwache Entwicklung?

Ein Team von Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat nun intensiv auf diesem Gebiet geforscht. In einer jetzt veröffentlichten Studie anlässlich des World Economic Outlooks kam das Team des IWF zu der Schlussfolgerung, dass die langsamere Entwicklung des Handels vor allem ein Symptom der stotternden Konjunktur ist.

Handel wird nicht mehr auf
das Vorkrisenniveau kommen


Seit 2012 werden - verglichen mit der Periode 2003-2007 - zumindest fast drei Viertel des "fehlenden" Wachstums durch die schwache Konjunktur verursacht, vor allem die fehlenden Investitionen. Zu diesem Ergebnis kommen die Ökonomen sowohl mit der Untersuchung von empiririschen Daten als auch mit einer Modellrechnung.

Andere Faktoren würden noch einmal 1,75 Prozentpunkte vom potenziellen Wachstum des Welthandels abziehen. Dabei machten handelspolitische Maßnahmen wie etwa Protektionismus fast die Hälfte aus.

Auch wenn die globale Konjunktur wieder anspringt, sei es doch sehr unwahrscheinlich, dass auch der Handel auf das Niveau von vor der Krise zurückkommen wird, da damals Investitionstätigkeiten in China und anderen Schwellenländern ungewohnt hoch waren - und die Kosten des Handels wegen politischer Kooperationen sowie technologischer Fortschritte signifikant zurückgegangen sind.

Wenn man die Konjunktur wieder ankurbeln will, müsse man sämtliche globale wirtschaftliche Aktivitäten befeuern. Das würde auch die Rädchen des internationalen Handels "schmieren", schreiben die Ökonomen des IWF. So könne man einen Kreislauf erschaffen, in dem Handel wiederum zu mehr Produktivität und Wachstum führt. Unternehmen könnten durch barrierefreien Marktzugang schneller über neue Entwicklungen auf dem Weltmarkt informiert werden.

Da die verhaltene konjunkturelle Entwicklung auf den Handel drückt, sind laut IWF Politikmaßnahmen rund um den Handel (etwa Freihandelsabkommen) wiederum durchaus relevant, schreiben die Ökonomen.

Damit trägt die Studie der Politik des IWF Rechnung: Bekanntlich ist die Chefin des IWF, Christine Lagarde, eine prononcierte Befürworterin der Freihandelsabkommen. Erst vergangene Woche zeigte sich Lagarde "tief besorgt" über die Kritik von Politikern am Freihandel. Es gebe das "steigende Risiko" (für die Weltwirtschaft, Anm.) von Politikern im Wahlkampf, die versprächen, mit Strafzöllen oder ähnlichen Handelshemmnissen gegen ausländische Handelspartner vorzugehen, hieß es in einer Rede Lagardes, die sie in Toronto hielt.

Darüber sei sie "tief besorgt". Sie plädierte stattdessen dafür, die Vorteile des Freihandels herauszustreichen. Freier Handel führe zu wettbewerbsfähigeren Industrien, mehr Innovationen und niedrigeren Preisen für Verbraucher. Namen von Politikern nannte Lagarde nicht in ihrer Rede. Explizit erklärte sie ihre Unterstützung für Ceta, das Handelsabkommen, das zwischen Kanada und der EU verhandelt wird. Der Vertrag hatte vor kurzem als unterschriftsreif gegolten, wurde aber wieder aufgerollt. Zuletzt hatte vor allem Österreich Bedenken gegen Ceta gezeigt.

In Wien hatte Lagarde erst im Juni für das umstrittene EU-USA-Handelsabkommen TTIP geworben. Doch ein Abschluss scheint hier in weite Ferne gerückt zu sein.

Einfluss von Schwellenländer wird immer größer


Die IWF-Empfehlung nach Freihandelsabkommen unter den Blöcken der Industrienationen wird noch einmal unterstrichen durch die Prognose des Fonds, dass der Einfluss von Schwellenländern wie China und Indien auf die Weltwirtschaft immer stärker werde. Sie seien die großen Wachstumstreiber.

Deshalb haben dem IWF zufolge ihre wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen inzwischen mehr Auswirkungen auf andere Staaten als die der Industrieländer.