London. (ce/reuters) Es war der dritte Stresstest der Bank of England (BoE) seit der Finanzkrise und der bisher härteste, wie BoE-Gouverneur Mark Carney betonte. Sieben Institute mussten simulieren, wie sie mit einem globalen wirtschaftlichen Schock und gleichzeitigen Problemen auf dem britischen Markt fertig werden würden. Ein Kreditinstitut fiel bei der Prüfung durch: die Royal Bank of Scotland (RBS).

Zwei Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) würden der einst größten Bank der Welt fehlen, falls die Weltwirtschaft um zwei Prozent sinkt und das britische Bruttoinlandsprodukts um 4,3 Prozent einknickt. "Die Herausforderung sind ihre Altlasten", sagte Notenbankchef Carney. Im Kerngeschäft habe die RBS in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Das Institut wurde während der Finanzkrise 2008 teilverstaatlicht und gehört noch immer zu 73 Prozent dem Staat. In den USA ringt RBS um eine Einigung mit den Behörden wegen des Verkaufs von verbrieften Hypothekenpapieren vor der Finanzkrise. Ein Vergleich könnte sie nach Schätzung von Analysten in den nächsten Monaten neun Milliarden Pfund kosten. Zudem hat sie Probleme, ihre britische Filialbank-Tochter Williams&Glyn loszuschlagen.

Schwächen auch bei Barclays und Standard Chartered


Nach Bekanntgabe der Ergebnisse gab sich die Bank demütig: "RBS hat sich mit der Finanzaufsicht auf eine revidierte Kapitalplanung geeinigt, um ihre Widerstandsfähigkeit vor dem Hintergrund der verschiedentlichen Herausforderungen für die Bank und die Wirtschaft im Allgemeinen zu verbessern", teilte das Institut mit. Gerechnet wird mit dem Verkauf fauler Kredite und weiteren Kostensenkungen. Analyst Joseph Dickerson von der Investmentbank Jefferies erklärte, Ausschüttungen an die Aktionäre seien angesichts der erwarteten Umbaumaßnahmen in weite Ferne gerückt. Die RBS-Aktie brach in London vier Prozent ein.

Auch Barclays und Standard Chartered zeigten beim Stresstest Schwächen. Sie hätten aber bereits die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um sich krisenfester aufzustellen, beruhigte die BoE. HSBC, Lloyds, Nationwide und Santander UK stellte sie dagegen ein gutes Zeugnis aus.

Schönheitsfehler der Untersuchung: Das angenommene Krisenszenario wurde bereits im März ausgearbeitet - also noch vor dem Brexit-Votum am 23. Juni. Die potenzielle Unsicherheit, die sich aus dem Referendum ergibt, ist somit noch nicht einberechnet.

Diese Risiken kommen dafür im Financial Stability Report zur Sprache, den Carney ebenfalls am Mittwoch vorstellte. Demnach steuert die britische Wirtschaft auf unsichere Zeiten zu: Brexit, die hohen Schulden privater Haushalte, die Wahl Donald Trumps sowie Turbulenzen in der Eurozone könnten nachteilige Folgen für das Finanzsystem haben.

Carney plädierte für einen "ordentlichen" und "sanften" Brexit-Prozess und meinte, es sei "zu bevorzugen, dass Unternehmen so gut wie möglich Bescheid wissen über das gewünschte Ziel und so früh wie möglich informiert sind über den potenziellen Weg zu diesem Ziel". Damit wiederholte er eine oft vorgebrachte Forderung, nämlich, dass die Regierung endlich eine klarere Brexit-Strategie darlegen soll, anstatt das Land weiterhin im Dunkeln zu lassen.

Carney kritisiert
Europäische Zentralbank


Der Gouverneur meinte zudem, dass auch die EU ein handfestes Interesse an einem geordneten Brexit-Prozess habe, und zwar aufgrund der Bedeutung Londons als Finanzzentrum: "Großbritannien ist im Prinzip der Investmentbanker für Europa", sagte Carney. Die Aktivitäten der britischen Geschäftsbanken seien von wesentlicher Bedeutung für die EU, und deshalb liege es im Interesse der EU-Staaten, sich weiterhin Zugang zu deren Dienstleistungen zu sichern. Das dürfte auch als eine versteckte Kritik an Mario Draghi sein, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank: Dieser meinte am Montag, dass der potenzielle wirtschaftliche Schaden des EU-Austritts für Großbritannien erheblich größer sei als für die EU.

In Bezug auf die Wahl Trumps zum US-Präsidenten meinte Carney, dass es möglicherweise zu einer Verlangsamung des weltweiten Handels kommen könnte. Trump hat sich wiederholt für die Einführung von Handelszöllen ausgesprochen, etwa für Produkte aus China. Auch hat er angekündigt, das Transpazifische Handelsabkommen TPP aufzulösen. Falls solche Maßnahmen eine Verlangsamung der weltweiten Handelsaktivität bewirkten, würde dies auch Folgen für Großbritannien haben, sagte Carney.