Rom. (dpa/reuters) Nach dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben die Finanzmärkte verrückt gespielt. Nun könnten die Italiener mit ihrem Nein zur Verfassungsreform für eine neue Euro-Krise sorgen - doch die sonst so empfindlichen Finanzmärkte juckt es kaum. Dabei sorgen die Italiener mit ihrem Nein zur Verfassungsänderung für eine handfeste Regierungskrise.

Die wichtigsten europäischen Aktienmärkte lagen am Montagfrüh deutlich im Plus, der Euro stabilisierte sich, und Gold - sonst ein sicherer Krisenprofiteur - büßte sogar an Wert ein. Dass die Anleger so viel gelassener auf Italien als etwa auf das Brexit-Votum reagierten, hat mehrere Gründe. Erstens war das Nein der Wähler keine Überraschung: Verglichen mit dem Brexit-Referendum und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben die Meinungsforscher diesmal die Gegner einer Verfassungsänderung vorn gesehen. Entsprechend konnten sich die Investoren vorbereiten. "Bereits an den Vortagen konnte eine zunehmende Risikoaversion festgestellt werden", sagt Analyst Christian Schmidt von der Helaba.

Die Marktteilnehmer hätten sich vor dem Italien-Referendum "nicht zu weit aus dem Fenster lehnen" wollen. "Ein Nein war bereits eingepreist", sagt auch Neil Wilson vom Handelshaus ETX Capital. So war der DAX in der Vorwoche um annähernd zwei Prozent gefallen. Zum Vergleich: In den sechs Handelstagen vor dem Brexit war der deutsche Leitindex um sieben Prozent geklettert, bevor das böse Erwachen kam.

Zweitens wird erwartet, dass das Referendum sich nicht direkt auf die Finanzwelt auswirken wird. Finanzmarkt-Experten bedauern zwar, dass Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi nach dem Scheitern beim Referendum seinen Hut nimmt. Die Strategie der Regierung Renzi sei von den Märkten als "zumindest bemüht empfunden worden, Italiens Fiskal- und Bankensystem wieder auf einen beständigen Weg zu hieven", sagt Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. "Im Moment sieht es jedoch nicht danach aus, als ob die Finanzmärkte ernsthaft an Italiens Zukunft in der Eurozone zweifeln", führt Analyst Wilson von ETX Capital aus. So habe sich der Euro nach anfänglichen Verlusten stabilisiert, und die Risikoaufschläge bei italienischen Staatsanleihen hätten letztlich das Niveau vom November nicht übertroffen.

Hoffen auf die EZB:
"Whatever it takes"


Wie schon so oft in der jüngeren Vergangenheit bauen die Anleger darauf, dass notfalls die Notenbanker den Karren aus dem Dreck ziehen werden. Leuchtmann erinnert an Draghis berühme Worte in der heißen Phase der Euro-Schuldenkrise 2012, als der EZB-Präsident versprach, alles zu tun, um den Euro zu retten - "whatever it takes". Auch Raiffeisen Research hält die Sorge vor einer Erschütterung der Stabilität der Eurozone nach dem gestrigen Italien-Votum gegen Reformpläne von Premier Matteo Renzi "aktuell für übertrieben". "Vielmehr sehen wir in den kommenden Monaten eine Periode ‚stabiler Instabilität‘, wie sie in Italien bereits öfter vorkam", so Raiffeisen Research in einer Analyse.