"Wiener Zeitung": Herr Wilkinson, man könnte die Ergebnisse Ihrer Forschungen mit einem Satz zusammenfassen: Soziale Ungleichheit ist ungesund.

Richard Wilkinson: Es gibt natürlich viel, viel mehr dazu zu sagen. Soziale Ungleichheit ist ja nicht nur ungesund, sondern die Wurzel für eine Menge von gesellschaftlichen Problemen. In ungleicheren Gesellschaften ist nicht nur der durchschnittliche Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung schlechter und die Lebenserwartung niedriger, sondern es ist auch die Mordrate höher, die Zahl der Patienten mit psychischen Problemen, die Zahl von Teenagern, die schwanger werden, es gibt mehr Menschen, die an Fettleibigkeit leiden.

Sie schreiben im Buch "The Spirit Level", das Sie gemeinsam mit Ihrer Kollegin Kate Pickett verfasst haben, auch darüber, dass in Gesellschaften mit höherer sozialer Ungleichheit das Vertrauen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern schwindet. Darunter würde auch der soziale Zusammenhalt leiden.

In sozial weniger ungleichen Gesellschaften gibt es weniger Gewalt, die Menschen sind eher bereit, einander zu helfen, und es besteht ein höheres Ausmaß an Vertrauen. Wenn die soziale Ungleichheit zunimmt, dann schwindet all dies. In solchen ungleichen Gesellschaften geht es um sozialen Status. Letztlich müssen wir uns die Frage stellen: Wollen wir in einer Welt leben, in der Empathie und Vertrauen etwas zählen? Oder in einer Welt, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist? Diese unterschiedlichen Realitäten haben große Auswirkungen auf den psychosozialen Stresslevel von Menschen. Wenn ich der Meinung bin, dass mein Mitmensch grundsätzlich kooperationsbereit ist und mir erst einmal freundlich gegenübersteht, dann ist das natürlich angenehmer, als wenn man befürchten muss, dass mein Mitmensch mein größter Feind ist, der für mich eine potenzielle Bedrohung darstellt.

Sie sagen auch, dass unter sozialer Ungleichheit nicht nur die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter leiden, sondern alle.

Die Probleme einer Gesellschaft sind natürlich am unteren Ende der sozialen Leiter weiter verbreitet als am oberen Ende. Aber: Es gibt Probleme, von denen wir wissen, dass sie aus Statusunterschieden hervorrühren. Und diese Probleme werden umso größer, je größer diese Statusunterschiede sind. Was aber überraschend ist: Derartige Probleme werden nicht nur bei den weniger Wohlhabenden größer, sondern solche Probleme ziehen sich dann quer durch eine Gesellschaft. Korruption ist beispielsweise ein derartiges gesellschaftliches Übel. Was ich damit sagen will: In einer sozial gleicheren Gesellschaft geht es nicht nur den Ärmsten der Armen besser, sondern es profitieren 90 Prozent der Bevölkerung. Wenn man eine Person aus einer sozial ungleichen Gesellschaft in eine gerechtere Gesellschaft verpflanzen könnte und diese Person landet dann wieder in etwa an derselben sozialen Position wie zuvor, mit demselben Job und demselben Einkommen, so geht es der Person nach dem Ortswechsel in die gerechtere Gesellschaft deutlich besser: Die Lebenserwartung dieser Person wird eine längere sein, die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, wird geringer sein, und die Kinder dieser Person werden weniger in Gefahr geraten, in die Drogensucht abzurutschen oder bereits als Teenagger Kinder in die Welt zu setzen.

Welchen Einfluss hat soziale Mobilität?

Wenn ich mit Amerikanern spreche, dann sage ich immer: "Wenn Sie den Amerikanischen Traum wollen, dann müssen Sie nach Dänemark auswandern." Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass die soziale Mobilität in ungleichen Gesellschaften schwächer ausgeprägt ist als in reicheren Gesellschaften. Die Wohlhabenderen finden offenbar bessere Wege, ihre Privilegien an ihre Kinder weiterzugeben. Wenn die soziale Ungleichheit aber zunimmt, wenn die Gesellschaft ungleicher wird, dann geben die Wohlhabenden immer mehr für die Bildung ihrer Kinder aus. Bei einer derartigen Entwicklung wird ihnen die Bildung der Kinder noch wichtiger, es nehmen aber auch die Vorteile zu. Da reichen bestimmte soziale Codes, an denen jene, die es im Leben besser erwischt haben, jene, die weniger Glück haben, erkennen. Um sich ihres Status zu vergewissern, schauen die Privilegierten auf die weniger Privilegierten herab. Das kennt man als "Fahrradsyndrom": Nach unten treten und nach oben buckeln.

Man hat derzeit das Gefühl, dass die westlichen Gesellschaften in einer Art kollektiver Übellaunigkeit sind. Die Menschen sind unzufrieden und mürrisch. Im Deutschen gibt es den Begriff des "Wutbürgers". Woher kommt die große Unzufriedenheit?

Wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der die Reichen und Mächtigen unglaublich wichtig sind, und jene, die am anderen Ende des sozialen Spektrums existieren, fast wertlos sind und wie ein Nichts behandelt werden, dann drückt das natürlich auf die kollektive Stimmung. Was aber vielleicht für diese Frage sogar noch bedeutsamer ist: Es gibt in unseren ungleicher werdenden Gesellschaften eine immer stärkere Statusangst. Wir machen uns zudem immer mehr Gedanken darüber, wie wir von den anderen beurteilt werden. Auf diese Statusangst kann man als einzelner auf zwei unterschiedliche Arten reagieren: Man kann sich - von Selbstzweifeln getrieben - immer mehr von der Gesellschaft abwenden und Sozialkontakte vermeiden. Man kann sich in Gesellschaft immer unwohler fühlen, weil man sich ständig genötigt fühlt, einen guten Eindruck machen zu müssen. Oder man geht in die entgegengesetzte Richtung und legt sich einen gepflegten Narzissmus zu. Sie kennen sicher diese Abendunterhaltungen bei Dinnerparties, wo jemand witzige Anekdoten erzählt, in denen es aber letztlich darum geht, dass er oder sie zu seiner eigenen Beförderung fast zu spät gekommen wäre oder beinahe auf die eigene Preisverleihung vergessen hätte. Kurzum: Die Botschaft lautet, dass man eine erfolgreiche, anerkannte und letztlich wichtige Person ist.