Machen die sozialen Medien das alles nicht noch schlimmer? Bei Instagram postet man vorzugsweise die Kodak-Moments: Bilder von atemberaubenden Sonnenuntergängen, von tollen Reise-Augenblicken, wunderbaren Restaurantbesuchen und tollen Parties. Facebook verleitet auch zum gepflegten Narzissmus und bei Twitter geht es darum, auf 140 Zeichen geistreich oder witzig zu sein.

Natürlich will man auf Facebook attraktiv und sympathisch rüberkommen. Ich warte jetzt aber nur darauf, bis die Menschen die ungeschminkte Wahrheit über ihr Leben posten. Und das ist dann doch oft ein recht ereignisloser Tag im Büro oder im Geschäft - aber das eignet sich natürlich nicht für die Selbstpräsentation.

Welchen Einfluss auf die miese Stimmung hat die wirtschaftliche Stagnation, die Europa nun schon seit vielen Jahren im Würgegriff hat?

Wirtschaftswachstum wirkte wie eine Medizin gegen steigende soziale Ungleichheit. Denn auch wenn die Schere in jenen Jahren, in denen es besser gelaufen ist, ebenfalls auseinandergegangen ist, so haben jene, die nicht so stark profitieren konnten, dennoch das Gefühl gehabt, dass es auch mit ihnen bergauf geht. Heute leiden diese Menschen an akuten Status-Verlustängsten. Für viele gab es seit Jahrzehnten keine Reallohngewinne. Steigende Ungleichheit führt zu mehr Misstrauen, mehr Misstrauen bringt mehr antisoziales Verhalten hervor, führt zur Erosion des Zusammenhalts in Dörfern, Gemeinden und Städten, und all das steigert die Missstimmung.

Populisten profitieren von dieser Missstimmung.

So scheint es. Ich glaube allerdings nicht, dass etwa Donald Trump die Situation für die Menschen, die ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt haben, verbessern wird. Was Europa betrifft, so darf man die Sozialdemokraten nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: Tony Blair und New Labour in Großbritannien waren etwa am Thema der sozialen Ungleichheit nicht interessiert. In anderen europäischen Ländern war es sehr ähnlich. Das hat es den Populisten leicht gemacht, sich als Anwalt der "einfachen Leute" zu präsentieren.

Zur Person

Richard G. Wilkinson

studierte Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics. Danach studierte er Epidemiologie und wurde Professor emeritus für Sozialepidemiologie an der an der University of Nottingham. 2009 wurde er durch das Buch "The spirit level" (deutscher Titel: "Gleichheit ist Glück") das er gemeinsam mit Kate Pickett veröffentlichte, bekannt. In diesem Buch wird ein Zusammenhang zwischen sozialer Einkommensungleichheit und gesellschaftlichen Problemen hergestellt. Zuletzt war er auf Einladung der Kontrollbank gast bei der alljährlichen Wintertagung.