"Man darf einem Angestellten nicht vorwerfen können, dass er um 23 Uhr nicht vernetzt war, um über ein Treffen am nächsten Morgen um neun Uhr informiert werden zu können", sagt Bruno Mettling, Personalvorstand des Telekommunikationsriesen Orange. Er hat im Auftrag der französischen Regierung eine Studie verfasst. Ein Problem sei, dass es offiziell zwar keine Verpflichtung für Angestellte gebe, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. Viele hätten aber das Gefühl, dass das von ihnen erwartet werde.

Die Sache hat aber zwei Seiten und auch Gewerkschafter sind mehrheitlich nicht für eine strikt einheitliche Regelung in diesem Bereich. Denn flexible Arbeitszeiten oder etwa Homeoffice sind durchaus im Interesse jener Arbeitnehmer, die sich etwa um ihre Kinder kümmern. Hier geht es laut Gewerkschaft darum, eine Vereinbarung zu finden, bei der der Werktätige nicht ausgenutzt wird.

Die gesundheitlichen Folgen des permanenten Standby-Modus sind jedenfalls gut erforscht. Neben dem Burn-out, also einem kompletten Zusammenbruch, der monatelange Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat, sind das Schlafstörungen, Bluthochdruck und psychische Beschwerden wie Ängstlichkeit oder Depressionen.

Auch Arianna Huffington, Gründerin der Onlinezeitung "Huffington Post", empfiehlt in ihrem Buch "Die Schlaf-Revolution", Handy und Laptop in der Freizeit, vor allem aber aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Nach einem Total-Kollaps vor neun Jahren singt die einst ruhelose Medienfrau über mehrere hundert Seiten ein Loblied auf ausgedehnte Ruhezeiten. Der mit Tabletten vollgepumpte "Arbeits-Zombie" mit schwarzen Augenringen, heißt es hier, sei auch in der hippen Trendfabrik Silicon Valley nicht mehr gefragt, sondern eine Bedrohung für die betroffene Person und deren Umwelt, predigt Huffington. Sie hofft, dass Abschalten bald die angesagte Form der Selbstoptimierung ist.

Mit sanfter Gewalt


Globale Konzerne sind längst dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern Smartphone und Laptop mit sanfter Gewalt aus der Hand zu nehmen. Nicht aus Gründen der Nächstenliebe, sondern im Sinne eines gesteigerten Profits, der sich mit Zahlen messen lässt. Denn Burn-out und übermüdungsbedingte, folgenreiche Fehlentscheidungen kosten unter dem Strich mehr, als ruhelose Dauerarbeiter dem Unternehmen bringen. Laut OECD-Studie kostet ein arbeitsbedingter Zusammenbruch 100.000 Euro und mehr. In Österreich sind psychische Erkrankungen schon der häufigste Grund für den Gang in die Invaliditätspension. Laut Studie beträgt der volkswirtschaftliche Schaden hierzulande sieben Milliarden Euro. Die Zahl der Burn-out-gefährdeten Österreicher und Österreicherinnen wird mit 1,5 Millionen angegeben.

Der Volskwagen-Konzern mit mehr als 600.000 Mitarbeitern weltweit hat schon vor Jahren reagiert und eine E-Mail-Sperre für die Tarifmitarbeiter eingerichtet. In den Randzeiten - etwa abends - werden sie von E-Mails abgekoppelt. Sie können dann weder Mails empfangen noch senden. Daimler stellt seinen Mitarbeitern frei, eingehend E-Mails während ihres Urlaubs einfach löschen zu lassen.