"Wiener Zeitung": Die EU plant einen Marshallplan für Afrika - ein Projekt, das sehr stark von deutscher und österreichischer Seite vorangetrieben wird. Ist das ein erfolgsversprechendes Konzept?

Alex Vines: Ein allumfassender Plan für den ganzen Kontinent wird schwierig umzusetzen sein. Denn das Wirtschaftswachstum hat in Afrika unterschiedliche Geschwindigkeiten, verschiedene Regionen sind verschieden entwickelt. Die Afrikanische Union hat ebenfalls eine Vision, die sich Agenda 2036 nennt. Es liegen also verschiedene Pläne auf dem Tisch. Meiner Meinung nach sollte man bei solchen Vorhaben regionale Schwerpunkte setzen und sich dabei auf einzelne, regionale Blöcke konzentrieren. Ecowas (westafrikanischer Staatenbund, Anm.) hat zum Beispiel große Fortschritte in der gemeinsamen Sicherheits-, aber nicht so sehr in der Handelspolitik gemacht.

Wo könnte man hier ansetzen?

Ein großes Defizit in Afrika ist der Handel zwischen den einzelnen Ländern. Die ausländischen Direktinvestitionen, die Entwicklungszusammenarbeit und auch die Geldüberweisungen der afrikanischen Diaspora reichen nicht aus, deshalb müsste für ein höheres Wachstum der Handel zwischen den Staaten steigen. Das könnte zunächst über regionale Vereinigungen geschehen, die dann langfristig den ganzen Kontinent überspannen könnten. Eine Priorität sollte also sein, Grenzen stärker zu öffnen und Zölle herunterzufahren. Ein Beispiel: Waren innerhalb Südafrikas von Johannesburg nach Kapstadt zu transportieren, dauert etwa 12, 13 Stunden. Von Johannesburg nach Lusaka, der Hauptstadt von Sambia, kann dieser Transport fast drei Wochen dauern. Die damit verbundenen Kosten und Zölle machen die Waren in Sambia dann freilich auch viel teurer.

Dabei wurde Afrika in den vergangene Jahren als aufsteigender Kontinent gefeiert, der Anschluss an die Globalisierung findet und in dem sich eine neue Mittelschicht bildet.

Dieses Narrativ hat auch gestimmt. Aber das Wirtschaftswachstum hat sich enorm verlangsamt. Während es über 15 Jahre hinweg bei etwa acht Prozent lag, betrug es vergangenes Jahr nur 1,1 Prozent - der geringste Wert seit 20 Jahren. Das zeigt, wie abhängig viele Staaten von den Rohstoffpreisen sind. Eine bessere Entwicklung nehmen Wirtschaften, die diversifiziert sind, etwa Cote d’Ivoire. Dort betreibt man nicht nur Rohstoffabbau, sondern besitzt auch einen ausgeprägten Dienstleistungs- und Agrarsektor.