Donald Trump präsentiert stolz seinen Erlass, die Wall-Street-Regulierung zu überprüfen. - © reu/Lamarque
Donald Trump präsentiert stolz seinen Erlass, die Wall-Street-Regulierung zu überprüfen. - © reu/Lamarque

Wien. (wak) "Politische Börsen haben kurze Beine", erklärt der Ökonom Markus Müller, Chefanlagenstratege auf globaler Ebene der Deutschen Bank. Was er damit meint: Der Kapitalmarkt reagiert sofort auf politische Erdbeben - und hat diese auch rasch wieder verdaut, während man in der Politik etwa noch am Anfang der Problemlösung steht. Anders formuliert: "Der Brexit war in drei Tagen eingepreist, die Wahl von Donald Trump innerhalb von drei Stunden und das italienische Referendum in drei Minuten", resümiert Müller bei einem Pressegespräch am Montag in Wien. Denn es kam bei all diesen Ereignissen kurzfristig zu massiven Kursverlusten, aber bald darauf gingen die Märkte wieder zur Tagesordnung über. Die Wahl von US-Präsident Donald Trump hat die Börsen sogar nach der ersten Schrecksekunde euphorisiert zurückgelassen - bis heute. Denn man denkt optimistisch an Trumps Wahlversprechen: die US-Wirtschaft stärken und Regulierungen abbauen.

Natürlich fragen sich Beobachter nach der gescheiterten Gesundheitsreform in den USA, ob Trump es schaffen wird, die restlichen Versprechen des Wahlkampfs einzulösen, meint Müller. Trotzdem: Allein Trumps Ankündigung einer Steuerreform geben Stoff für "genügend Fantasie" an den Märkten, sodass die Wirtschaft erstarkt und der US-Dollar zum Euro gewinnt.

Seit der Wahl von Donald Trump hat der US-Aktienmarkt über 12 Prozent dazugewonnen. Und "in den letzten 100 Tage hat es keine größere Korrektur im S&P-Index gegeben", räumt Müller ein. Der Index umfasst die größten US-amerikanischen Aktienunternehmen. Die Börsen bejubelten, dass Donald Trump etwa den Erlass unterzeichnet hatte, den Dodd-Frank-Act einer Überprüfung im US-Senat zu unterziehen. Der Dodd-Frank-Act, der unter US-Präsident Barack Obama im Jahr 2010 erlassen worden war, sollte eine neue Finanzkrise etwa durch die Einführung von höheren Eigenkapitalerfordernissen bei Banken verhindern.

"In den USA stehen Kursverluste potenziell bevor"


Trotz oder gerade wegen der derzeitigen hohen - vielleicht zu hohen - Bewertung von US-amerikanischen Werten auf den Märkten sei Vorsicht geboten: Für Anleger sei es nach Meinung Müllers derzeit unattraktiv, US-amerikanische Papiere im Portfolio zu haben. Denn: "Kursverluste stehen potenziell bevor", urteilt Müller. Und die Privatverschuldung klettert in den USA bereits wieder auf Vorkrisenniveau.

"Wir bevorzugen derzeit Europa", so der Ökonom. Hier haben die Anleger derzeit kurzfristig nur die anstehenden Präsidentenwahlen in Frankreich zu befürchten. Dabei geht Müller - wie viele andere - davon aus, dass die rechtspopulistische Politikerin Marine Le Pen eine Niederlage einstecken wird.

Allerdings nagen an Europa sowie an den USA weiterhin "strukturelle Probleme", warnt Müller. Seit dem Zweiten Weltkrieg bestehe weltweit ein Trend zu abnehmenden Wirtschaftswachstumsraten, und auch die Produktivität gehe zurück. Die Frage stelle sich auch, wie eine Volkswirtschaft aufgebaut sein müsse, damit jeder am globalen Wachstum teilhaben könne. In der US-Regierung etwa fehle das Bewusstsein, dass Jobs nicht mehr so aus dem Ausland zurückkommen, wie sie weggegangen seien. Die Anforderungsprofile seien viel höher geworden. Zudem wandern die Jobs nur zurück, weil das Lohnniveau in Ländern wie China oder Bangladesch steigt. In den USA sei hingegen der durchschnittliche Stundenlohn, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, "auf dem Niveau der 1970er Jahre stagniert".