Washington. (wak/ag) "Die Weltwirtschaft scheint an Fahrt zu gewinnen. Wir könnten an einem Wendepunkt stehen", schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF) im Vorwort seines aktuellen World Economic Outlook. Doch die Ökonomen des Fonds haben Angst, dass dies nur von kurzfristiger Dauer ist: Denn "das System der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat, ist unter starken Druck geraten, obwohl es so viele Vorteile generiert hat. Und weil das Wachstum und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Veränderungen zu oft ungleiche Belohnungen und Kosten in die Länder gebracht haben", schreibt der Fonds und wiederholt seine Botschaft, die er vergangene Woche getrommelt hat: Es sei nun die Sache der Politik, diese Ungleichheiten so auszubalancieren, dass ein stabiles, gemeinschaftliches Handelssystem garantiert sein kann, von dem alle profitieren sollen.

"Globale Trends in Ungleichheit sind zwar auch auf den Handel zurückzuführen, aber hängen viel stärker von technologischen Veränderungen ab, als vom Handel an sich", so der Fonds weiter. Es sei aber zu beobachten, dass in jenen Industrieländern, in denen der Anteil des Produktivitätssektors am Bruttoinlandsprodukt (BIP) abnimmt, das Medianeinkommen stagniert und sich die Einkommensverteilung verschlechtert, "sich der politische Druck erhöht, bei der wirtschaftlichen Integration mit den Handelspartnern zurückzurudern". Doch für den IWF ist klar: Diesem Druck des Protektionismusgedankens nachzugeben, würde in eine "selbst auferlegte Wunde resultieren", höhere Preise gingen dann einher mit niedrigerer Produktivität, und führten wiederum zu einem niedrigeren Realeinkommen für die Privathaushalte. Deswegen sei es laut dem IWF wichtig, dass die Staaten Maßnahmen implementieren, um jenen Menschen zu helfen, die von den wirtschaftlichen Umwälzungen negativ betroffen sind. "Leider finden es Regierungen aber oft schwieriger, solche Verbesserungen im eigenen Land umzusetzen, als einfach den Außenhandel zu beschränken", schreibt der IWF. In den vergangenen Monaten hatten vor allem protektionistische Töne von US-Präsident Donald Trump für Verunsicherung gesorgt. Sein Name wird in dem IWF-Bericht allerdings nicht genannt.

Auch warnt der Fonds vor einer Verwässerung der Finanzregulierung der vergangenen Jahre. Dadurch würde das Risiko neuer Krisen erhöht. Eine Welle protektionistischer Handelspolitik und ein Wettlauf um die laxeste Finanzaufsicht würde laut dem IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld auf einen "Kampf von jedem gegen jeden", hinauslaufen, "bei dem am Ende alle Länder schlechter dastünden".

Dass der IWF seine globale Prognose für 2017 und 2018 nun trotzdem anhebt, liegt einerseits an den nun wieder robuster gewordenen Finanzmärkten, und andererseits an einer "lang erwarteten zyklischen Erholung im Bereich der Produktion und des Handels".

Österreichs Wirtschaft wächst langsamer als die Eurozone


Konkret soll die globale Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr um 3,5 Prozent zulegen. Im zurückliegenden Ausblick im Jänner hatte der IWF noch mit 3,4 Prozent gerechnet. Im vergangenen Jahr war die Weltwirtschaft um 3,1 Prozent gewachsen.

Auch für Österreich hat der IWF die Prognose für 2017 gegenüber der Herbstschätzung angehoben: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde heuer voraussichtlich um 1,4 Prozent wachsen. Im Herbst waren für 2017 lediglich 1,2 Prozent BIP-Plus erwartet worden.

Für 2018 geht der IWF für Österreich von 1,3 Prozent BIP-Anstieg aus. Mit diesen prognostizierten Wachstumsraten würde die Alpenrepublik in beiden Jahren hinter der Eurozone zurückbleiben, für die der IWF für 2017 und 2018 von 1,7 und 1,6 Prozent BIP-Plus ausgeht. 2016 ist die heimische Wirtschaft real um 1,5 Prozent gewachsen, jene des Euroraums um 1,7 Prozent.

Die IWF-Erwartungen für Österreich liegen deutlich unter den Prognosen der heimischen Wirtschaftsforscher: In seiner Frühjahrsprognose von Ende März hatte Wifo für heuer 2,0 Prozent Realwachstum vorhergesagt, das Institut für Höhere Studien (IHS) 1,7 Prozent. Für 2018 rechnete das Wifo mit 1,8 Prozent und das IHS mit 1,5 Prozent BIP-Zuwachs.

Für Deutschland sehen die Konjunkturexperten des IWF ebenfalls eine leicht erhöhte Wachstumsperspektive und gehen von einem Plus von 1,6 Prozent im laufenden Jahr aus. 2018 werde die deutsche Wirtschaftsleistung nur noch um 1,5 Prozent wachsen, hieß es. Damit bewegt sich Deutschland in etwa im Schnitt der Länder der Eurozone.

Für die USA rechnet der IWF auch nach Trumps Amtsantritt weiterhin mit einer Wachstumsrate von 2,3 Prozent 2017 und 2,5 Prozent 2018. Ihre Prognose für das vor einem EU-Austritt stehenden Großbritannien korrigierten die Experten um einen halben Prozentpunkt nach oben auf 2,0 Prozent im laufenden Jahr. 2018 soll das Wachstum mit 1,5 Prozent ebenfalls stärker ausfallen als zuletzt vorausgesagt, allerdings ist dies nur eine geringfügige Anhebung. Hochgeschraubt wurden auch die Prognosen für China (auf 6,6 Prozent für 2017 und 6,2 Prozent für 2018) und für Russland (auf je 1,4 Prozent).