"Wiener Zeitung": In der Nacht auf Dienstag verkündete Doha seine Reaktion auf die harten Forderungen Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrains und Ägyptens. Doch Sie galten ohnehin als unerfüllbar.

Philipp Schramel: Das stand zumindest in der katarischen Presse. Es gab auch ein Statement vom Außenminister in diese Richtung. Was dann tatsächlich in dem Brief des Emirs oder Außenministers steht, wird sich weisen.

Die Blockadeländer haben unter anderem die Land-, See- und Luftrouten geschlossen und katarische Staatsbürger ausgewiesen. Lässt sich Doha nicht auf die Forderungen ein, bleiben die Sanktionen bestehen. Wie wahrscheinlich sind weitere Strafen?

Aus jetziger Sicht ist das unklar, es gab gemischte Signale bezüglich zusätzlichen Sanktionen von den VAE und Saudi-Arabien. Eine der Überlegungen seitens der VAE war, dass Unternehmen sich künftig entscheiden müssen, mit wem sie Geschäfte machen. Bei den Strafen dafür, mit Katar zu sympathisieren, stellt sich die Frage, ob sie auch für geschäftliche Praktiken wie Zeichnungsberechtigungen und Lieferungen an Katar über Häfen im Oman, in Indien oder andere Ausweichrouten gelten. Eine weitere Möglichkeit ist, die Einlagen aus katarischen Banken abzuziehen - also die finanziellen Strafmaßnahmen noch weiter zu verschärfen. Die aktuellen Wirtschaftssanktionen greifen aber schon sehr weit.

Wessen Wirtschaft leidet am meisten unter den Sanktionen?

Statistiken besagen, dass sie Katar und die Blockadeländer gleichermaßen oder Zweiteren sogar noch mehr schaden. Das kann durchaus sein, beim Handel wie auch bei den Banken.

Wegen der hohen Exporte von Saudi-Arabien nach Katar?

Ja. Katar hat einen deutlich geringen Anteil am Handel der Länder des Golf-Kooperationsrates GCC. Katar verantwortet etwa zehn Prozent der Importe innerhalb des GCC und rund neun Prozent der Exporte. Sieht man sich die anderen Länder an, zeigt sich ein anderes Bild. Das benachbarte Saudi-Arabien bezieht etwa 25 Prozent seiner Importe aus den GCC-Staaten.

Was können österreichische Unternehmen in Katar nun tun?

Zu ihren Strategien kann ich nur sagen, dass wir sie dabei unterstützen. 15 österreichische Firmen von unterschiedlicher Größe haben Niederlassungen in Katar, darunter Porr, Strabag, Doppelmayr und Doka. Die österreichischen Firmen sind insbesondere im Baugewerbe und in der Bau-Zuliefererindustrie tätig, aber auch im Dienstleitungsservice, Nahrungsmittel- und Getränkebereich.

Sind diese Firmen von dem Konflikt betroffen?

Ja, allerdings arbeitet Katar an Lösungsansätzen. Die Regierung hat darüber informiert, wo es bei Baustellen von Stadien oder U-Bahnen zu Engpässen kommen könnte - etwa betreffend Materialien, die bisher aus Saudi-Arabien oder von den VAE bezogen wurden. Informiert wurde auch über alternative Lieferanten, sei es von elektronischem Material oder Eisen und Stahl, das man bei Bautätigkeiten braucht. Das wird nun aus anderen Ländern bezogen. Preisverhandlungen gab es schon, wie auch bei Lebensmitteln. Betreffend Lebensmittel hat mich die Handelskammer um Kontakte zu österreichischen Firmen gebeten, die ähnliche Angebote im Sortiment haben wie Saudi-Arabien und auch liefern können.

Tun sich hier neue Geschäftschancen für österreichische Firmen auf?

Katar sucht Ersatzlieferanten etwa für Lebensmittel, Baumaterial und medizinische Produkte, die zuvor aus den Blockadeländern bezogen wurden. Daher kann die aktuelle Entwicklung als Chance gesehen werden, mit Importeuren in Katar in Kontakt zu treten.

Sind österreichische Firmen indirekt auch an der Öl- und Gasförderung beteiligt?

In der Zulieferindustrie sind sie stark beteiligt. Die Förderungen selbst machen große internationale Firmen gemeinsam mit Katar. So hat etwa das französische Mineralölunternehmen Total den Auftrag für die Bohrungen auf dem größten Gasfeld erhalten. Hier liefern österreichische Firmen Technologie zu.

Katar hat das drittgrößte Gasvorkommen weltweit. Bedroht der Konflikt mit den Nachbarländern die Energieversorgung Europas?

Mit einem Marktanteil von 30 Prozent ist Katar der weltweit größte Erdgasexporteur. Nun will Doha die Förderungen sogar noch erhöhen, diesen Plan gab es aber schon vor der Krise. Katar exportiert seine Energie etwa über die Gasverflüssigungsanlage in Ras Laffan, wo Gas auf Schiffe nach Asien verladen wird. Das macht etwa 40 Prozent der Gasexporte aus. Weitere 5,5 Prozent der Gasexporte verlaufen über eine zweite Route: Die Dolfin-Pipeline geht in die VAE und in den Oman. Nur etwa 13 bis 14 Prozent der Gasexporte gehen nach Europa, das meiste davon nach Großbritannien. Die Versorgungslage Europas soll - laut offiziellen Angaben - nicht beeinträchtigt werden.

Inwiefern betrifft der Konflikt die Weltwirtschaft?

Regional ist die Vernetzung auf finanzieller Ebene groß - etwa über diverse Staatsfonds. Die Qatar Investment Authority soll weltweit rund 335 Milliarden Dollar investiert haben, unter anderem in Deutschland sowie in französische, britische und amerikanische Unternehmen. Das ist ein Faktor, wie sich die Krise unmittelbar auswirken kann. Für Österreich ist die Region ein wichtiger Handelspartner: Nach den VAE und Saudi-Arabien kommt schon Katar. Unsicherheiten können natürlich zu Einbußen bei den österreichischen Exporten und in der Projektwirtschaft führen - und österreichische Unternehmen beeinflussen.

Zur Person

Philipp Schramel,

Jahrgang 1984, arbeitet seit 2011 für die Wirtschaftskammer, seit einem Jahr leitet er das Büro in Katar. Vorherige Stationen waren Algerien und Bulgarien.