Wien. Der Österreicher liebt es süß. 31 Stück Würfelzucker konsumiert er im Durchschnitt – pro Tag. Das sind umgerechnet 93 Gramm, auf das Jahr hochgerechnet 34 Kilogramm. Ob in Keksen, Müsli oder Limonaden, nur wenig Produkte kommen ohne Zucker aus. Er gilt neben Weizen, Kakao und Kaffee als einer der wichtigsten Agrarrohstoffe, der weltweit gehandelt wird. Zucker ist daher auch ein guter Indikator, wie es um den Wohlstand eines Landes bestellt ist. "Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig steigen die Einkommen. Zucker wird zunehmend nachgefragt", sagt Michaela Kuhl, Rohstoffexpertin der Commerzbank. Während in Industrienationen über eine Reduzierung des Zuckerkonsums nachgedacht wird, wächst in den Schwellenländern die Nachfrage rapide.

Doch der Preis für das weiße Gold unterliegt starken Schwankungen. Im Moment befindet er sich auf einem sehr niedrigen Niveau, sagt Kuhl. Seit ein paar Jahren fällt der Preis. Zu spüren bekommen dies vor allem die Bauern im globalen Süden. Denn während Brasilien und Indien die beiden größten Zuckerproduzenten der Welt sind, wo auf riesigen Farmen die Zuckerrohre wachsen, sind es in Ländern wie Belize, Paraguay und Fidschi hauptsächlich Kleinbauern, die sich zu Genossenschaften zusammenschließen. "Die Zuckerbauern haben das Problem, dass ihnen zu wenig Land für eine rentable Zuckerproduktion zur Verfügung steht", sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Je nach Region bewirtschaften die Bauern im Schnitt nur ein bis vier Hektar. Viele Bauern würden deshalb unter der Armutsgrenze leben. Hinzu kommt ein starkes Ungleichgewicht in den Handelsstrukturen.

Prämie statt Mindestpreis

Ein Problem ist, dass – im Gegensatz zu Kakao – für Zucker kein Mindestpreis pro Tonne gezahlt werden kann. "Es gibt so viele unterschiedliche Produktionskosten für Zuckerrohr und die Qualität variiert sehr stark", sagt Kirner. Dennoch profitieren die Bauern in Malawi oder Fidschi davon, denn pro Tonne Zucker gibt es eine Prämie von 60 US-Dollar. Sie geht zu einem Teil direkt an die Bauern oder wird in landwirtschaftliche Geräte investiert. Aber sie dient auch als Absicherung, wenn der Zuckerpreis unter die Produktionskosten fällt.

Zuckeranbau ist mühsame Handarbeit, wie etwa hier in Belize. - © James A. Rodríguez / MiMundo.org
Zuckeranbau ist mühsame Handarbeit, wie etwa hier in Belize. - © James A. Rodríguez / MiMundo.org

Bei Zucker gilt die sogenannte Mengenbilanz. Wenn die Agrana als einziger Zuckerhersteller in Österreich 100 Tonnen Zucker zu Fairtrade-Bedingungen einkauft, kann sie die gleiche Menge mit einem Fairtrade-Siegel verkaufen. "Der Mengenausgleich stellt sicher, dass die eingekaufte und die verkaufte Menge an Fairtrade-Zucker in der Lieferkette gleich ist", sagt Kirner.

Prekäre Situation wird verschlimmert

Die ohnehin prekäre Situation von Zuckerbauern in den am wenigsten entwickelten Ländern könnte sich bald weiter verschlechtern. Denn ab 1. Oktober 2017 fällt in der Europäischen Union eine Quotenregelung für Zucker. Bisher war die Menge an Zuckerrüben, die für die EU produziert worden ist, auf 13,5 Millionen Tonnen begrenzt. EU-weit werden aber rund 17 Millionen Tonnen konsumiert. Diese Lücke füllten Zuckerproduzenten - darunter auch Fairtrade-Betriebe - aus Afrika, der Karibik und Asien, die quoten- und zollfrei Zucker in die EU importieren durften.

Doch nun gibt es bald keine Beschränkungen mehr, der Zuckermarkt wird liberalisiert. Das bedeutet, dass 2017 viel mehr Zucker produziert wird. Laut Berechnungen der Commerzbank werden es in der EU rund zwei Millionen Tonnen Zucker mehr sein. "Bereits bei der letzten Aussaat wurde die Anbaufläche ausgedehnt", sagt Rohstoffexpertin Kuhl. Die EU-Zuckerproduzenten gewinnen dadurch einen stärkeren Einfluss auf dem Weltmarkt. Den Zuckerbauern aus den LDC-Ländern (least developed countries) hingegen droht, dass sie vom EU-Zuckermarkt verdrängt werden. "Der Quotenwegfall wird enormen Druck auf die Preise ausüben. Sowohl innerhalb der EU als auch etwa in Indien, das sehr viel mehr Zucker produzieren wird", sagt die Rohstoffanalystin.

Die Entwicklung des Zuckerpreises seit 2000. - © Commerzbank
Die Entwicklung des Zuckerpreises seit 2000. - © Commerzbank

Ohnehin hatten die Zuckerbauern aus Malawi, Belize und Co. bisher die schlechteren Karten. Denn die europäischen Zuckerhersteller erhalten von der EU eine Subvention. 2014 waren dies rund 212 Euro pro Hektar. Einer Berechnung für das britische Ministerium für Entwicklungspolitik kommt zu dem Ergebnis, dass das Ende der EU-Zuckerquote 200.000 Menschen in den ärmeren Ländern in die Armut zwingen könnte. Die Rechnung für den süßen Zuckerkonsum.