Einmal brache eine ihrer Kolleginnen zusammen – und kaum jemand hat reagiert: "Die anderen haben einfach weitergearbeitet", sagt Silbermayr, die vom sozialen Bewusstsein in den USA enttäuscht ist. Dennoch zieht sie es nicht in Betracht, nach Österreich zurückzukehren – zu sehr würde sie den drive, den Schwung, und den spirit, die Stimmung, vermissen, wie sie sagt.

Die jungen Kreativen stellen nicht die Mehrheit

Silbermayr ist Teil deiner Gruppe im Kreativbereich tätigen Österreicher in New York: Journalisten, Fotografinnen, Kuratoren, Künstlerinnen. Die meisten von ihnen hatten nicht geplant, auf Dauer im Big Apple zu bleiben, doch viele sind wie Silbermayr hängengeblieben – trotz der härteren Lebensumstände wie hohe Mietpreise (ein WG-Zimmer in Brooklyn um 1000 Euro gilt als "billig"), das fehlende soziale Netz, die höhere Geschwindigkeit und Konkurrenz im Arbeitsalltag.

Diese "Kreativarbeiter" spiegeln jedoch nicht unbedingt die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung wieder. Zwar kennen auch sie den Stress, den ständige Erreichbarkeit und Überstunden verursachen. Doch die jungen Kreativen gehören meist weder zu den Langzeitarbeitslosen, noch zu den Pendlern, die in völliger Erschöpfung in der U-Bahn schlafen, während sie von einem ihrer drei Jobs zum nächsten fahren.

"Es ist schwierig, Arbeitsethiken zu vergleichen"

"Es ist schwierig, Arbeitsethiken zu vergleichen", bestätigt Flecker. "Es gibt große Unterschiede je nach Industrie, Berufsgruppe oder Unternehmen". Er kennt in diesem Bereich keine wissenschaftlichen Studien, kann aber aus seinem persönlichen Umfeld berichten: Eine österreichische Krankenschwester, die die Arbeitsbedingungen in Schweden als "viel entspannter" beschreibt als jene in Österreich. Eine andere österreichische Krankenschwester beschreibt Schweizer Krankenhäuser, im Vergleich zur österreichischen Effizienz, als "trödelnd".

Auch der in den USA lebende Historiker Bischof glaubt, dass es von Branche zu Branche sehr große Unterschiede gibt. Seine Beobachtung ist, dass österreichische Handwerker, vor allem jene in Klein- und Mittelbetrieben, sehr gut und effizient arbeiten. Er führt das auf das duale Ausbildungssystem zurück – in den USA haben Jugendliche nicht die Möglichkeit, eine Lehre zu machen, sie müssen bis sie 18 Jahre alt sind die Schulbank drücken.

Österreich ist keine Insel der Seligen

Österreich ist jedoch keine Insel der Seligen – oder zumindest nicht für alle. "Die Arbeitsbedingungen haben sich sehr verändert", sagt Flecker. Die Arbeit wurde flexibler, und die Reduktion der Arbeitszeiten wurde seit den 1980er-Jahren nicht mehr vorangetrieben, Scheinselbständigkeit hat zugenommen. Zur gleichen Zeit hat Arbeitslosigkeit zugenommen: Laut Eurostat waren in Österreich in August 2016 6,3 Prozent der Menschen arbeitslos, im September 2017 waren es nur noch 5,4 Prozent (im internationalen Vergleich noch immer eine bemerkenswert niedrige Zahl).