Wer in Österreich arbeitslos ist, hat Anspruch auf zumindest 55 Prozent des früheren Gehalts. Das kann Existenzängste mindern, doch die meisten hadern mit dem Stigma der Arbeitslosigkeit. "Es ist vor allem die ältere Generation, die langzeitarbeitslos ist oder immer wieder arbeitslos wird, sagt Flecker. "Da ein Großteil der Gesellschaft immer noch nicht betroffen ist, wird Arbeitslosigkeit nicht als der Skandal angesehen, die sie ist."

Generation Praktikum

Der Einstieg in die Arbeitswelt kann ebenfalls herausfordernd sein, Stichwort "Generation Praktikum". Es ist etwa für junge Journalisten üblich, eine Vielzahl an Praktika zu absolvieren, bevor sie eine Vollzeitanstellung bekommen (wenn man sie denn überhaupt bekommt). In vielen Branchen ist es kaum möglich, einen Job zu bekommen ohne zuvor ein Praktikum gemacht zu haben. Viele kritisieren, dass diese Praktika üblicherweise schlecht bezahlt sind und die in Aussicht gestellte Möglichkeit einer späteren Anstellung oft nicht mehr ist als die sprichwörtliche Karotte vor der Nase.

In den USA sieht man das etwas anders: Praktika gelten als "gratis Training"; als Chance, ins Berufsleben hinein zu schnuppern und Erfahrung zu sammeln. Während Österreicher also Praktika als Ausbeutung sehen, würden US-Amerikaner fragen: Warum sollte ein Arbeitgeber jemanden anstellen, den er noch ausbilden muss?

Marshallplan sollte Österreichs Produktivität steigern

Die Mentalitätsunterschiede zeigen sich auch in der Geschichte: 1950 wollten die Amerikaner in Österreich den Marshallplan implementieren und die Produktivität des Landes steigern – doch die Einstellungen, Werte und Gewohnheiten der Österreicher zu ändern, gestaltete sich als äußerst schwierig.

"Der Marshallplan wurde nicht in allen Punkten umgesetzt, da die Amerikaner auf Widerstand seitens der Österreicher stießen", erklärt Bischof, Autor des Buches "Marshallplan seit 1945". "Schon früh wurde von den Amerikanern kritisiert, dass Österreich viel zu viele Beamte beschäftigt", und in seinem Buch schreibt er: "Es fehlte nicht an Widerstand seitens der Österreicher, und es gab wenig Konsens. Das Land klammerte sich weiter an seine antiquierten Traditionen des wirtschaftlichen Nationalismus, an seinen 'Kammerstaat', wie die Amerikaner sich abfällig ausdrückten."

Die Amerikaner fuhren eine massive Kampagne für mehr Produktivität. Durch Tarifverhandlungen, freie Gewerkschaften und die Eliminierung restriktiver Geschäftspraktiken wollte man "gesunde Beziehungen zwischen Beschäftigten und Management zu fördern". Die Sozialpartner begegneten diesen Ideen mit Skepsis. Auf der Managementebene lehnte man die Mitbestimmung ab, und die Arbeitervertreter misstrauten Programmen, die auf eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen hinauslaufen konnten.