• vom 27.09.2017, 17:59 Uhr

International

Update: 28.09.2017, 14:12 Uhr

Handelspolitik

Trumps Strafzoll schockt Briten




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Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

  • Flugzeugbauer Bombardier mit 220 Prozent Zoll bedacht. In Nordirland wackeln tausende Arbeitsplätze.

In Belfast produziert Bombardier Tragflächen und Motoren. - © reu/Kilcoyne

In Belfast produziert Bombardier Tragflächen und Motoren. © reu/Kilcoyne

London. Washingtons Androhung extrem hoher Strafzölle auf den Export kanadischer Passagierflugzeuge hat am Mittwoch diesseits des Atlantik, in Nordirland, Panik ausgelöst. Die Nordiren bangen um bis zu 14.000 Arbeitsplätze und um die politische Stabilität, falls diese Zölle tatsächlich verhängt werden. Die britische Premierministerin Theresa May zeigte sich "bitter enttäuscht" von der US-Administration.

Die Zölle sollen Kanadas Flugzeug-Produzenten Bombardier treffen, der an die US-Fluggesellschaft Delta Airlines 125 Passagier-Maschinen seiner neuen C-Serie liefern will. Tragflächen und Motoren dieser Flugzeuge werden in Belfast hergestellt. Die Nordiren fürchten, dass durch die vom US-Handelsministerium angekündigten Zölle die 4200 Arbeitsplätze im Werk in Ost-Belfast unmittelbar in Gefahr geraten. Bombardier ist das größte High-Tech-Unternehmen in der Provinz.


Nach Angaben nordirischer Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften sind rund 10.000 weitere Jobs in Zuliefer- und Dienstleistungs-Betrieben mit der Belfaster Flugzeug-Produktion verbunden. Nordirische Politiker äußerten schon die Sorge, dass bei einem entsprechenden Einbruch der wirtschaftlichen Basis in der früheren Unruhe-Provinz auch der soziale Zusammenhalt und der mühsam errungene Frieden in Gefahr geraten könnten.

Mit provisorischen Strafzöllen in Höhe von 220 Prozent auf den Kaufpreis der Maschinen wollen die USA "unfaire Subventionen" ahnden, mit denen ihrer Ansicht nach Kanada Bombardier unterstützt hat. Die endgültige Höhe der Zölle soll bis Februar 2018 beschlossen werden. Bei der jetzt angepeilten Höhe würde sich der Preis der von Delta bestellten Maschinen mehr als verdreifachen - von 19 Millionen Dollar auf 61 Millionen Dollar das Stück.

Bombardier und die kanadische Regierung halten den Vorwurf der Wettbewerbs-Verletzung, den der US-Flugzeugriese Boeing erhoben hat, für "absurd" und die Zölle für reine Schikane. Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland erklärte, die US-Entscheidung ziele "ganz offenkundig" darauf, Bombardiers Jets vom US-Markt "zu eliminieren".

Kanadier und Briten berufen sich darauf, dass Boeing nicht einmal Interesse an dem Delta-Auftrag gezeigt habe. Simon Jack, Luftfahrt-Experte der BBC, machte die Gegenrechnung auf zum Boeing-Vorwurf: "Es ist wahr, dass Bombardier Milliarden von der Regierung von Quebec und vom Pensionsfonds des Staates erhalten hat. Aber Boeing hat sehr viel mehr an Subventionen eingestrichen - und zwar über Jahrzehnte hin, vom US-Militär, der Nasa und dem Staat Washington."

Keine Chance auf Strafzölle
gegen Boeing

Kritiker der US-Aktion warfen Boeing und Washington vor, "einen Rivalen strangulieren" zu wollen. Premierministerin May, die sich guten Kontakts zum US-Präsidenten rühmt, hatte mehrfach versucht, Trump von der Entscheidung abzubringen, fand aber offensichtlich im Weißen Haus kein Gehör. Die Aufforderung zorniger Belfaster Arbeiter, nun umgekehrt Boeing mit Strafzöllen zu belegen, mochte May fürs Erste noch nicht nachkommen. Wie Boeing ihr bereits vorrechnete, hängen von dem US-Konzern in ganz Großbritannien 16.500 Arbeitsplätze ab. Verteidigungsminister Michael Fallon warnte allerdings, die Bombardier-Aktion bringe britische Regierungsaufträge an Boeing "in Gefahr".

Die Vorsitzende der Partei der Demokratischen Unionisten (DUP), Nordirlands bisherige Regierungschefin Arlene Foster, forderte May zu verstärkten Bemühungen auf. Auf die DUP ist Mays Regierung angewiesen, da die Konservativen in Westminster nicht über eine eigene Mehrheit verfügen. Fosters Parteikollege Jeffrey Donaldson, einer der einflussreichsten nordirischen Politiker, meinte ungehalten: "Wenn Amerika an Freihandel und an freiem Unternehmertum gelegen ist, sollte es so etwas nicht tun."

Der Chef der britischen Liberaldemokraten, Vince Cable, stellte einen direkten Bezug zu den laufenden Brexit-Verhandlungen her: "Sollen wir wirklich glauben, dass die USA uns mit einem umfassenden Handelsvertrag aus der Brexit-Klemme helfen wollen - wenn sie so mit fairem und freiem Wettbewerb umgehen?"




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-27 18:03:06
Letzte Änderung am 2017-09-28 14:12:07


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