Washington. (rs/reu) Wenn die Märkte etwas hassen, dann ist es Unsicherheit. Und ein weiterer Unruheherd ist wohl das Letzte, was US-Präsident Donald Trump nach der Hängepartie um seine ehrgeizigen Steuerreform-Pläne und den jüngsten Entwicklungen in der Russland-Affäre wohl brauchen kann. Bei der Besetzung des Spitzenpostens der mächtigen US-Notenbank Fed hat Trump daher demonstrativ auf Verlässlichkeit gesetzt.

Mit Direktor Jerome Powell soll ein langjähriger Mitstreiter von Fed-Chefin Janet Yellen an die Spitze kommen. Trump kürte den 64-Jährigen am Donnerstag nach einem langwierigen Bewerbungsverfahren als Nachfolger der amtierenden Gouverneurin, deren Mandat Anfang Februar abläuft. Powell hat im Führungskreis der Notenbank alle unter Yellen getroffenen Entscheidungen der vergangenen Jahre mitgetragen. Der Republikaner dürfte somit den Kurs behutsamer Zinserhöhungen fortsetzen, falls er vom US-Senat bestätigt wird. Damit wird sich aus Sicht vieler Investoren an den wichtigsten Rahmenbedingungen für den jahrelangen Höhenflug an der Wall Street nichts ändern.

Die Berufung Powells gilt als eine bewusste Entscheidung gegen andere von Trump ebenfalls ins Auge gefasste Kandidaten, die wohl eine straffere geldpolitische Linie eingeschlagen hätten - darunter der Ökonom John Taylor. Powell sei der "am wenigsten umstrittene" Anwärter gewesen, sagte Commerzbank-Analyst Bernd Weidensteiner. "Unter seiner Führung könnten die Märkte ‚business as usual‘ erwarten - was ihnen offensichtlich am liebsten ist."

Anders als seine Vorgänger hatte Trump die Fed-Spitzenpersonalie nicht im stillen Kämmerlein diskutiert, sondern sogar zu einem öffentlichen Schaulaufen gemacht. Über seine Treffen mit Anwärtern sickerten Details durch, auch Trump gab immer wieder Auskunft über den momentanen Stand des Auswahlprozesses ab. Zwischenzeitlich standen fünf Bewerber zur Auswahl. Neben Powell und Yellen waren dies Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn, der Ökonomie-Professor Taylor sowie der ehemalige Fed-Direktor Kevin Warsh. Die Kandidaten standen mitunter für unterschiedliche Ausrichtungen. Taylor und Warsh galten dabei als Vertreter einer aggressiveren Zinspolitik.

Wachstum als beste Medizin

Für die von Rekord zu Rekord steigende Wall Street ist die Personalie von herausragender Bedeutung. Denn der Kurs der Fed bestimmt Anlageentscheidungen rund um den Globus. Andere wichtige Notenbanken wie die Europäische Zentralbank suchen bei ihren US-Kollegen Orientierung. Hinzu kommt, dass die Fed aktuell vor einer historisch heiklen Aufgabe steht. Sie hat gerade erst begonnen, die im Zuge der Weltfinanzkrise losgetretene beispiellose Geldschwemme zur Ankurbelung der Wirtschaft wieder einzudämmen.

Dabei wird von den Notenbankern ein Balanceakt verlangt: Sie müssen die Börsen von den massiven Geldspritzen der vergangenen Jahre entwöhnen, ohne den Konjunkturaufschwung abzuwürgen. Anlass zur Sorge bereitet dabei zudem die Inflation, die deutlich unter der Zwei-Prozent-Rate liegt, die für die Fed üblicherweise Ausweis einer gesunden Wirtschaftsentwicklung ist. Die nächste Leitzinserhöhung wird für Dezember erwartet. Dies dürfte die letzte große Entscheidung unter Yellens Ägide werden, bevor sie den Stab an Powell weitergibt.

Dieser galt bereits seit einiger Zeit als Favorit für die Fed-Spitze. Der Jurist war früher in einer Investmentbank tätig, später bei der Beteiligungsgesellschaft Carlyle in New York, bevor er schließlich 2012 als Direktor zur Fed stieß. Wie Trump gilt der einzige Republikaner im Spitzengremium der US-Notenbank als Wachstumsapostel.

Die Förderung der Wirtschaftsleistung liege im "höchsten nationalen Interesse", sagte der 64-Jährige jüngst bei einer Veranstaltung in seiner Heimatstadt Washington. "Schon ein Prozentpunkt mehr Wachstum kann im Leben der Menschen einen riesigen Unterschied machen."

Ernst und abwägend

Bei seinen öffentlichen Auftritten wirkt der Mann mit dem grau-melierten Haar, den Freunde und Weggefährten nur "Jay" nennen, meist ernst und bisweilen ein wenig kühl. Er wägt seine Worte stets sorgsam ab und entspricht so dem Bild, das sich wohl viele Amerikaner von einem Notenbanker machen.

Ebenso scheint der Jurist für Republikaner und Demokraten gleichermaßen akzeptabel. Trump sagte, er hoffe auf eine rasche Bestätigung durch die Parlamentskammer. Powell sei "stark, engagiert und klug" und damit bestens für die Aufgabe geeignet.