London. Noch immer sind die Scheidungsmodalitäten zwischen Großbritannien und der EU weitgehend ungeklärt. Die wichtigsten britischen Kreditinstitute sind nach Meinung der Bank of England (BoE) aber jedenfalls auch für ein planloses Ausscheiden des Landes aus der EU stark genug aufgestellt. Selbst im Falle größerer ökonomischer Verwerfungen könnten die Geldhäuser die britische Wirtschaft mit Krediten versorgen, so das Fazit.

Düstere Prognosen

"Die Bank von England kommt zu dem Urteil, dass das Bankensystem die Realwirtschaft selbst in dem unwahrscheinlichen Fall eines ungeordneten Brexit weiterhin unterstützen kann", sagte Notenbankchef Mark Carney am Dienstag in London bei der Vorlage des Finanzstabilitätsberichts der Zentralbank. Offen ließ er, ob die Widerstandskraft der Institute auch ausreicht, sollte der Zeitpunkt des Brexit mit einer schweren Rezession zusammenfallen. Laut dem jüngsten Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) liegen die Wachstumserwartungen für das britische Bruttoinlandsprodukt im Zeitraum 2016 bis 2020 inzwischen um fünf Prozentpunkte niedriger als vor dem Brexit-Votum. Die Prognose für das Wachstum der Firmeninvestitionen brachen im selben Zeitraum sogar um 30 Prozentpunkte ein, jene für die Konsumausgaben um 5 Prozentpunkte.

In ihrem jährlichen sogenannten Stresstest haben die britischen Bankaufseher durchgespielt, was mit den größten Instituten des Landes bei einem starken wirtschaftlichen Abschwung geschehen würde. Dazu gehörten eine Abwertung des Pfunds um ein Viertel, der Einbruch der Häuserpreise sowie Kreditausfälle infolge starker Arbeitslosigkeit und anziehender Zinsen. Das Szenario sei härter gewesen als während der vergangenen Finanzkrise, erklärte ein BoE-Sprecher.

Fünf der sieben einbezogenen Großbanken haben den Stresstest ohne Weiteres bestanden. Zwei hingegen überschritten Warnmarken. So schafften Barclays und die Royal Bank of Scotland den Test nur, weil sie bereits im Laufe des Jahres ihre Kapitaldecke aufgepolstert haben. Auf Basis der Bilanzen zu Jahresbeginn, auf denen der Test basiert, hätten beide Banken nicht bestanden. HSBC, Standard Chartered, die Lloyds Banking Group, Santander UK und die größte britische Bausparkasse Nationwide Bulding Society kamen hingegen ohne Beanstandungen durch. Der Stresstest hatte zwar nicht explizit das anstehende Ausscheiden Großbritanniens aus der Union zum Thema. Es seien aber wirtschaftliche Risiken eingeflossen, die mit dem Brexit in Verbindung stehen könnten, hieß es seitens der Notenbank. Um künftigen ökonomischen Schocks besser gewachsen zu sein, zwingt die BoE die Banken, bis 2018 rund sechs Milliarden Pfund bestehendes Kapital in einer bestimmten Reserve zu parken, die genutzt werden kann, um künftige Verluste ausgleichen zu können.

Die Testergebnisse wurden vor einem wichtigen Treffen zwischen den Spitzen von EU und Großbritannien im Dezember veröffentlicht. Die Sorgen nehmen zu, dass Großbritannien nicht genügend Fortschritte macht, um die Verhandlungen für einen sanften Ausstieg aus der EU im März 2019 rechtzeitig abzuschließen.

Die Verhandlungen der Unterhändler der britischen Regierung mit der EU über die Brexit-Modalitäten verliefen bisher zäh. Doch die Zeit drängt. Die EU hat London bis zum 4. Dezember Zeit für Zugeständnisse beim Brexit gegeben. Bis dahin muss "ausreichender Fortschritt" in drei Punkten erreicht sein: Neben der EU-Außengrenze geht es um die Brexit-Schlussrechnung und die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien und der Briten auf dem Kontinent. Im März 2019 soll der Brexit vollzogen werden - unabhängig vom Resultat der Brüsseler Verhandlungen.

Regeln für EU-Banken

Carney forderte eine "rechtzeitige Vereinbarung" über den Brexit und plädierte für eine großzügige Übergangszeit, um die Risiken für die Finanzstabilität seines Landes zu reduzieren. Bis Ende des Jahres will der Vorsitzende der Bank of England Regeln für EU-Banken veröffentlichen, die nach dem Brexit weiter in Großbritannien präsent sein wollen.