Sie kritisieren den Kapitalismus, verteidigen aber die Marktwirtschaft. Ist das nicht dasselbe?

Nein. Der Historiker Fernand Braudel hat drei Ebenen von Wirtschaft unterschieden: Subsistenz - also das, was man für das eigene Leben direkt produziert. Markt - also den Ort, wo es tatsächlich Marktbeziehungen gibt oder auch Konkurrenz, und Kapitalismus. Letzterer beruht historisch im Wesentlichen auf Monopolen.

Nicht auf Marktgesetzen?

Die profitabelsten Unternehmen sind über 500 Jahre im Wesentlichen monopolistisch oder oligopolistisch gewesen. Heutige Beispiele dafür sind Microsoft, Google oder Amazon. Der Kapitalismus braucht einen Markt, aber er ist nicht der Markt. Und er braucht außerdem - und das ist das Interessante - einen Staat. Der moderne Staat ist in Europa zusammen mit dem Kapitalismus entstanden und hat ihn von Anfang an auch finanziert. Die größten Unternehmen werden bis heute massiv staatlich gestützt. Allein die Branche der fossilen Industrien - also Erdöl, Erdgas und Kohle - wird weltweit jedes Jahr mit 500 Milliarden Dollar subventioniert.

Das hieße, sie wären nicht aus sich heraus existenzfähig?

Viele der großen Unternehmen sind nicht lebensfähig ohne staatliche Subventionen, ja. Eine andere Art der Subvention ist natürlich Steuervermeidung, die staatlich protegiert wird. Es gibt sehr viele Arten der Subvention. Eine nicht kapitalistische Marktwirtschaft würde bedeuten, dass man diese großen Player, wo das Kapital sich in wenigen Händen zusammenballt, eben nicht fördert. Dass man eher verhindert, dass sich zu viel Kapital in wenigen Händen konzentriert und man eher dafür sorgt, dass kleine und mittlere Unternehmen florieren können.

Wie ist es überhaupt vorstellbar, aus der Logik, die jetzt vorherrscht, herauszukommen?

Was wir brauchen, sind wirtschaftliche Institutionen, die dem Gemeinwohl dienen und nicht dem Profit. Solche Institutionen gibt es tatsächlich schon. Es gibt zum Beispiel genossenschaftliche Banken, die Kredite nach sozialen und ökologischen Kriterien vergeben. Das Finanzsystem ist natürlich ein ganz wichtiger Steuerungsmechanismus. Unser jetziges Großbankensystem ist strukturell insolvent. Es hat seit 2008 ja nur überlebt, weil es durch Billionen von Euro und Dollar gestützt worden ist. Sogar (der ehemalige deutsche CDU-Wirtschaftsminister) Wolfgang Schäuble sagt, dass wir uns vermutlich auf eine weitere Finanzkrise zubewegen. Wir brauchen eine starke Bewegung dafür, das Finanzsystem auf andere Füße zu stellen.

Wie soll dieses System in Zukunft aussehen?

Wir sind im Moment in einer Umbruchphase. Die Frage ist, geht es in Richtung autoritäre Herrschaft wie etwa in der Türkei, oder gelingt uns ein Systemwandel zu mehr sozialer Gerechtigkeit.