• vom 19.01.2018, 06:52 Uhr

International


Textilindustrie

Wolle boomt - nur in Österreich nicht




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Von Anja Stegmaier

  • Der Rohstoff ist gefragt wie schon lange nicht mehr - doch Tirols Züchter schauen durch die Finger.



Sydney. Sie wärmt, isoliert und ist schmutzabweisend. Kaum eine andere Faser vereinigt so viele positive Eigenschaften wie Schurwolle. Trotzdem war der natürliche Rohstoff lange fast in Vergessenheit geraten. Die um vieles günstigere Kunstfaser nahm den Textilmarkt ab den 1950er Jahren in Beschlag und trug auch dazu bei, dass Kleidung in Massenproduktion zur Wegwerfware wurde.

Stellte Wolle Anfang der 1960er Jahre noch neun Prozent in der weltweiten Textilfaserproduktion, ging dieser Anteil durch die Massenproduktion von synthetischen Fasern, vor allem in China in den 1990er Jahren, auf heute nurmehr 1,2 Prozent zurück. Die Wollproduktion hat sich in den letzten 25 Jahren halbiert - das Geschäft mit dem Naturprodukt war ein Groschengeschäft. Im selben Zeitraum verdreifachte sich die Kunstfaserproduktion. Viele Produzenten orientierten sich um, das Fleisch der Tiere zu verkaufen ist bis heute viel lukrativer.


Diese Entwicklung scheint sich aber umzukehren. Der Schafwolle-Preis legte im vergangenen Jahr um 30 Prozent zu - und die Nachfrage am Weltmarkt steigt weiter. Hochwertige Wollprodukte - vom Alpaka, dem Merinoschaf und der Kaschmirziege - sind ein Luxus, den sich immer mehr leisten wollen.

Verdrängten einst günstige, atmungsaktive Synthetikfasern Walk, Loden und Gestricktes am Berg und im Sport, so scheint die Naturfaser diesen Bereich wieder zurückzuerobern.

"Unsere Schuhe sind Kaschmirpullover für die Füße", sagt Tim Brown, der die Allbirds erfunden hat. Der ehemalige neuseeländische Fußballstar setzt auf minimalistisches Design und nachhaltige Produktion. Die Trend-Treter sind in der Maschine waschbar und werden ohne Socken getragen. Strick-Sneaker sind aber nicht nur im Silicon Valley der neueste Schrei, auch internationale Konzerne wie Nike, Puma und Adidas setzen neuerdings auf die feine Faser vom Schaf in ihren Schuhen.

Die Nachfrage nach Wolle und Wollprodukten wächst vor allem in China. Das Land ist nicht nur Heimat der meisten Schafe weltweit: Die Volksrepublik ist größter Erzeuger und Nachfrager von - hauptsächlich australischer - Wolle. 78 Prozent der weltweiten Woll-Exporte gehen auf das Konto Chinas. Mode-Mekka Italien nimmt Platz zwei der Top-Käufer ein. Zum einen verarbeitet und exportiert Chinas Textilindustrie den Rohstoff, aber auch die wachsende chinesische Mittelschicht will und kann sich das Luxusprodukt leisten.

Laut der australischen Regierung wird für Wolle aus Down Under heuer ein weiteres Exportwachstum von vier Prozent erwartet. Die höheren Preise bescheren damit ein Plus von 20 Prozent um umgerechnet 2,81 Milliarden Euro. Ein Kilo australische Wolle wird diese Woche für 18,17 AU-Dollar (11,87 Euro) gehandelt.

Wachstumspotenzial sehen Beobachter vor allem noch in den USA. Kommen auf Chinesen, Europäer und Kanadier pro Jahr ein Kilogramm Wolle, haben sich die Amerikaner mit 300 Gramm noch nicht so stark für die Naturfaser erwärmen können. Der Trend geht aber genau in diese Richtung - immer mehr Konsumenten kehren dem unkomplizierten Synthetik den Rücken und wenden sich dem Naturprodukt zu. Gleichzeitig wird hier auch immer wichtiger, woher der Rohstoff kommt und unter welchen Bedingungen er produziert wurde.

Minusgeschäft in Österreich
Der Aufwind von Wolle hat in Österreich allerdings keinerlei Auswirkung. Wie andere Bereiche der Textilindustrie haben in Europa nach vielen Jahren der Dumpingpreise Wollwäschereien und andere Verarbeitungsbetriebe zugesperrt. "Für ein Kilogramm Wolle bekommt man in Tirol derzeit maximal 1,50 Euro", sagt Johannes Fitsch, Geschäftsführer des Schafzuchtverbandes und der Tiroler Wollverwertung der "Wiener Zeitung". Der Anstieg des Wollpreises in Österreich ergibt sich nur durch die direkte Nachfrage der Kunden, die speziell auf das Prestigeprodukt "Tirolwool" setzen - trotzdem bleibt es für sich genommen ein Minusgeschäft.




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Dokument erstellt am 2018-01-18 17:56:05
Letzte Änderung am 2018-01-18 18:05:50



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