Jaroslaw/Berlin/Wien. Es gibt belebtere Orte als Jaroslaw. Das 40.000-Einwohner-Städtchen liegt im Südosten Polens nahe der ukrainischen Grenze. Zur Glanzzeit der Rzeczpospolita, der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. Jahrhundert, war es ein wichtiger Handelsort, ein Knotenpunkt zwischen Ost und West. Türken und Perser, Armenier und Italiener, Spanier, Engländer und Deutsche kamen auf den Jahrmärkten der Stadt zusammen. Die Bürgerhäuser mit den Arkadengängen, der ausgedehnte alte Marktplatz der auf grünen Hügeln erbauten Stadt und die zahlreichen Kirchen zeugen von der einstigen Bedeutung Jaroslaws.

Bis auf manche Bauwerke wie die prunkvolle Kirche des Dominikanerklosters, die auch als Dom einer Hauptstadt durchgehen könnte, erinnert heute allerdings nicht mehr viel an die einstige Bedeutung der galizischen Stadt. "Heute ist das hier das Ende der Welt", sagte der Abt des Klosters der "Wiener Zeitung". Die Straßen sind selten voll. Anders als in den großen Städten Polens wie Warschau, Danzig, Breslau oder Krakau kann man nicht gerade davon sprechen, dass in Jaroslaw das Leben pulsiert. Das Städtchen wirkt verschlafen. Zwar kam in den letzten Jahren der Wirtschaftsboom, der Polen erfasst hat, langsam auch im abgelegenen Grenzgebiet an. So verbindet seit kurzem eine Autobahn Jaroslaw mit Krakau, der Bahnhof wurde renoviert und die Eisenbahnverbindungen haben sich merklich verbessert. Das ändert allerdings derzeit noch nicht allzu viel am Grundsatzproblem der Region: dass zu viele Junge wegziehen. In die großen Städte, und manchmal auch ins Ausland.

Das Phänomen betrifft nicht nur ärmere Regionen an der ukrainischen Grenze. Es ist in Ostmitteleuropa weit verbreitet. "Manche Länder in Ost- und Südosteuropa haben in den letzten zehn bis 20 Jahren bis zu zehn Prozent der Bevölkerung verloren", umreißt Peter Havlik vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) die Situation. "Vor allem in Rumänien, Bulgarien und den baltischen Staaten ist die Lage schlimm", sagt der Wirtschaftsforscher der "Wiener Zeitung".

Mit der Wende kam die Wende

Kein Wunder: Rumänien und Bulgarien hinken wirtschaftlich immer noch hinterher. Die Löhne sind niedrig, wenn es auch in Rumänien in den letzten zwei Jahren relativ große Lohnsteigerungen gab. Die reichen aber nicht aus, den Reiz zur Auswanderung in den beiden EU-Mitgliedsländern einzubremsen. "Und das Baltikum erlebte Anfang der 1990er Jahre eine schwere Wirtschaftskrise. Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahres 2008 wirkte sich dort besonders verheerend aus", erläutert Havlik.