Takengon. "Die Bäume sind wie Kinder für mich", sagt Warsini. Behutsam hebt sie den Ast und pflückt die knallroten Früchte. Mit einer schnellen Bewegung lässt sie sie einen Plastiksack fallen. In Gummistiefeln stapft Warsini durch die schlammige Erde zum nächsten Baum. Der Regen durchnässt ihren Hijab. Sie wohnt in einem 500-Seelen-Ort im Norden Sumatras, umgeben von tropischem Regenwald.

Auf rund zwei Hektar Land wachsen zwischen Bananenstauden, Avocado- und Papayabäumen die Kinder, die Warsini pflegt: Mehr als 3000 Kaffeebäume der Sorte Arabica. Und sie brauchen viel Pflege. Sie muss alte Äste abschneiden, das Gras mähen, Kompost um den Stamm verteilen. Fast täglich ist die 46-Jährige im Kaffeegarten, um nach dem Wohl ihrer Bäume zu sehen. Sie wachsen hier im Gayo-Hochland auf rund 1500 Metern auf nährstoffreichen Vulkanböden – in Bio-Qualität. In der Kultur der Gayo, einer lokalen ethnischen Gruppe, wird die Kaffeefrucht als heilig verehrt. In Kaffeeröstereien auf der ganzen Welt gelten Bohnen aus dieser Region als Spezialität.

Eine Spezialität, die in der Region von enormer wirtschaftlicher Bedeutung ist. Auf Sumatra leben 80 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft. 60 Prozent ausschließlich vom Kaffeeanbau. Auf knapp 600.000 Hektar – dies entspricht in etwa der Größe des Bundeslandes Salzburg – wird Kaffee angepflanzt. Anbau und Verarbeitung ist aufwendig, die meisten Verarbeitungsschritte geschehen in mühsamer Handarbeit. Bevor die getrockneten Bohnen in Säcke für den Export verladen werden, picken Frauen schadhafte Bohnen einzeln per Hand heraus. Den Bauern bleibt angesichts des riesigen Aufwands nur ein geringer Lohn. Das durchschnittliche Einkommen einer Farm mit einem Hektar liegt bei rund 195 Euro pro Monat – und damit unter dem landesweiten Durchschnitt des Pro-Kopf-Einkommens von 240 Euro.

Die Strukturen sind kleinteilig. Während in Brasilien, dem größten Kaffeeproduzenten der Welt, auf riesigen Plantagen die Bohnen heranreifen, bewirtschaften die Bauern in Sumatra durchschnittlich nur ein bis zwei Hektar. Von der Ernte der roten Kirsche in Sumatra bis zur gerösteten Bohne in einem Wiener Kaffeehaus geht der Kaffee durch viele Hände.

Höherer Preis dank Zertifikate

Warsini bestritt ihr Einkommen mit dem Anbau von Mais, Reis und Sojabohnen. Vom Kaffee erhoffte sie sich mehr Geld. 1987 hat sie begonnen, Kaffeebäume zu pflanzen. Dann hieß es Warten. Denn die Bäume blühen erst nach drei Jahren. Die ersten Früchte trägt der Baum erst im vierten Jahr.

Warsinis Sack füllt sich allmählich mit den "Kirschen", wie die roten Früchte des Kaffeebaumes genannt werden. Form und Farbe ähneln der Hagebutte. Rund eine Tonne Kirschen erntet sie pro Jahr in ihrem Garten. Nach der Ernte holt sie der "Collector" bei ihr ab. Er sammelt die Früchte von ihr und vielen anderen Farmen ein, verarbeitet sie und verkauft sie an die Kooperative weiter. Sie sind oft "Collector" und Kaffeebauer in einem.

Um einen besseren Preis zu bekommen, hat sich Warsini der Kooperative Megah Berseri angeschlossen. Mehr als 1300 Kaffeebauern aus 17 Dörfern gehören zu dieser Gemeinschaft, die Bio- und Fairtrade-zertifiziert ist. Das heißt, die Kooperative zahlt den Bauern einen Mindestpreis für den Kaffee, derzeit rund 1,40 Dollar pro Pfund (450 Gramm). 20 US-Cent gibt es als Fairtrade-Prämie obendrauf, 30 US-Cent beträgt der Bio-Aufschlag. Kaffee mit beiden Zertifizierungen erzielt also einen Preis von rund 1,90 Dollar – 30 Prozent mehr als der derzeitige Weltmarktpreis.

Kaffeepreis auf niedrigem Niveau

Kaffee ist nach Erdöl der am häufigsten gehandelte Rohstoff. Seit Monaten dümpelt er auf niedrigem Niveau. Aktuell liegt er auf einem 21-Monats-Tief. "2017 war Kaffee der Rohstoff mit den deutlichsten Abschlägen, sowohl Arabica als auch Robusta", sagt Carsten Fritsch, Rohstoff-Experte von der Commerzbank. Derzeit wird an der Börse von New York das Pfund um 1,21 Dollar gehandelt. Der Preis wird dabei nicht nur von Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern auch von Währungsschwankungen und Ernteerträgen. Im April 2018 beginnt ein neues Kaffeejahr: Es wird damit gerechnet, dass es ein ertragsreiches wird. Das setzt die Preise unter Druck. Der Fairtrade-Preis soll die Schwankungen des Weltmarktes abfedern. "Er ist wie ein Sicherheitsnetz, wenn der New Yorker Preis unter das Minimum fällt", sagt Anna Pieredes von Fairtrade Großbritannien.

Kaffeebäuerin Warsini beim Pflücken der Kirschen in ihrem Garten. - © WZ, Michael Ortner
Kaffeebäuerin Warsini beim Pflücken der Kirschen in ihrem Garten. - © WZ, Michael Ortner

Mit der Fairtrade-Prämie finanziert die Kooperative unter anderem Werkzeuge wie Mähmaschinen, Gartenscheren oder sie baut Straßen in entlegene Bergdörfer. Wie das Geld investiert wird, entscheidet die Kooperative selbst. Ein Viertel der Prämie muss jedoch in die Verbesserung der Kaffee-Qualität investiert werden.

Doch was hat sich für Warsini durch die Prämie konkret verbessert? "Da oben siehst du den Unterschied", antwortet sie auf das Wellblechdach deutend. Die Gastgeberin und ihre Besucher sitzen auf Matten am Boden, Zigaretten werden herumgereicht. Auf einem Tablett dampft frisch gebrühter Kaffee. Von der Decke baumelt einsam eine Glühbirne. Aus dem Nebenraum dröhnt die Musik einer indonesischen Fernsehshow.

Machtlos gegen den Regen

"Wir hatten ein elendes Leben, bevor wir der Kooperative beigetreten sind", sagt Warsini. Jetzt gehe es ihrer Familie viel besser. Sie kann ihre zwei Söhne auf die Schule schicken und ihnen dank der Prämiengelder Schulbücher kaufen. Auch die Arbeit bei den Kaffeebäumen wurde erleichtert. "Wir haben eine Mähmaschine bekommen. Früher mussten wir das Gras zwischen den Bäumen mit der Hand mähen." Während des Fastenmonats Ramadan verteilt die Kooperative Reis und Speiseöl. Dennoch reicht das Geld gerade für das Nötigste. Um auch etwas auf die Seite legen zu können, zieht sie im Garten neben dem Haus auch Kartoffeln, Tomaten, Chilis und Avocados. Letztere kann sie auf dem Markt zu einem guten Preis verkaufen. Gegen ein Problem kann Warsini jedoch nichts unternehmen. Metallisch plätschert es auf das Dach: der Regen. Anfang Dezember wäre eigentlich Trockenzeit. "Es regnet zu viel", seufzt die Kaffeebäuerin.

Fruchtbarer Vulkanboden: Das Gayo-Hochland im Norden Sumatras. - © Fairtrade Foundation, James Robinson
Fruchtbarer Vulkanboden: Das Gayo-Hochland im Norden Sumatras. - © Fairtrade Foundation, James Robinson

Zu viel Regen zur falschen Zeit. Unvorhersehbare Wetterschwankungen wie diese stellen ein immer größeres Problem für die Kaffeebauern dar. "Wenn es zu viel regnet, fallen die Blüten von den Ästen und es können keine Kaffeekirschen mehr wachsen", sagt Hagung Hendrawan vom Fairtrade Network Asia Pacific Producers. Weniger Kaffeekirschen heißt weniger Bohnen. Die Produktivität nimmt ab. Selbst große Kaffee-Betriebe sind nicht vor der Macht des Wetters gefeit. "Heuer war bisher keine gute Ernte. Wegen des starken Regens ist die Produktion um 50 Prozent eingebrochen", sagt Rizwan Husin, Vorsitzender der Kooperative KBQB, die ebenfalls im Gayo-Hochland beheimatet ist. Die Kooperative hat mehr als 5000 Mitglieder, sie ist ein großer Player in der Kaffeebranche in Sumatra. Im Schnitt exportiert sie 100 Container Kaffee pro Jahr.

Viele Kaffeebauern trocknen ihre Bohnen auf Matten unter freiem Himmel. Wenn es sehr lange regnet, steigt die Gefahr, dass die Bohnen verfaulen. "Die Klimaveränderung könnte dazu führen, dass die Bäume mehr Krankheiten und Schädlingen ausgesetzt sind", sagt Hendrawan. Ein Problem, das bisher nur Kaffee in tiefer gelegenen Regionen betroffen hat. Durch die starken Regenfälle weicht auch der Boden auf. Schlammlawinen und Bodenerosionen sind die Folge.

Nachdem eine Maschine bereits schadhafte Bohnen aussortiert hat, muss noch per Hand geprüft werden.
 - © WZ, Michael Ortner
Nachdem eine Maschine bereits schadhafte Bohnen aussortiert hat, muss noch per Hand geprüft werden.
- © WZ, Michael Ortner

Sorgen wegen Klimawandel

Der Spitzen-Arabica der Gayo-Region ist bedroht. "Wir sind sehr besorgt wegen dem Klimawandel. Es heißt, dass es innerhalb der nächsten 50 Jahre keinen Kaffee mehr in Gayo geben könnte und Afrika dasselbe Szenario droht", befürchtet Husin. Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, verteilen manche Kooperativen bereits Setzlinge, die resistenter sind. Daran forscht auch Aaron Davis ein paar tausend Kilometer westlich in Äthiopien. "Dort ist das Hauptproblem, dass es wärmer wird, aber gleichzeitig weniger regnet. Die Regenzeit wird kürzer und es gibt sehr lange Trockenzeiten", sagt der Kaffee-Experte der "Royal Botanic Gardens, Kew" in London. Schon ein Temperaturanstieg von einem Grad Celsius wirke sich auf die Böden aus. "Die Erde wird trockener, das setzt die Pflanzen unter Stress." Jede Region hat ihre eigenen Probleme. Er glaubt, dass ein Temperaturanstieg und mehr Regen in Sumatra keine physiologischen Auswirkungen auf die Kaffeepflanze habe. "Die Pflanze stirbt deswegen nicht ab. Aber die feuchten Bedingungen begünstigen Krankheiten und Schädlinge", sagt der Wissenschafter. Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen: Ende des 19. Jahrhunderts rottete die sogenannte "Kaffeepilz-Krise" alle Kaffeebäume auf Sri Lanka aus.

Warsini lässt sich in ihrem Kaffeegarten nicht aus der Ruhe bringen. Seelenruhig pflückt sie die roten Kirschen von den Bäumen. Heute hilft ihr Sohn mit. Ob er eine Zukunft im Kaffeeanbau sehe? "Ja. Denn einem Kaffeebauern geht es nicht nur ums Einkommen. Es ist ein Lebensstil und ich respektiere meine Eltern", sagt er. Vielleicht wird er in Zukunft die Kinder von Warsini pflegen.

Die Reise fand auf Einladung von Fairtrade Großbritannien statt.