• vom 31.01.2018, 18:01 Uhr

International

Update: 31.01.2018, 19:09 Uhr

EBRD

Die Grenzen des Aufstiegs




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Von Gerhard Lechner

  • Viele Reformländer in Ost- und Südosteuropa durchleben einen Boom. Warum müssten sie ihr Wirtschaftsmodell dennoch umstellen?

Um die Wirtschaft in Ost- und Südosteuropa in Schwung zu halten, sind laut EBRD Investitionen in die Infrastruktur nötig. - © ap/Kambayashi

Um die Wirtschaft in Ost- und Südosteuropa in Schwung zu halten, sind laut EBRD Investitionen in die Infrastruktur nötig. © ap/Kambayashi

Wien/London. Der Saal im österreichischen Finanzministerium in Wien war gut gefüllt, als Nathaniel Young, der Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), am Mittwoch seinen neuen Report für die Schwellenländer in Mittel-, Ost- und Südosteuropa vorstellte. Das Motto für den diesjährigen Bericht war "Sustaining Growth" - nachhaltiges Wachstum also. Young und die EBRD wiesen damit darauf hin, dass sich diese Länder in ihrer Wachstums- und Entwicklungsstrategie umorientieren sollten: Das bisherige Modell sei nämlich ausgeschöpft. Es reiche nicht mehr, in erster Linie ausländische Technologien zu importieren, um so schnell wie möglich zu wachsen. Vielmehr müsse man nun auf Innovation setzen, meinte der EBRD-Chefökonom - und das, um die "middle income trap", die sogenannte mittlere Einkommensfalle, zu vermeiden.

Der zweite Schritt ist schwerer
Die Staaten in Ost- und Südosteuropa gelten nämlich als Volkswirtschaften mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen. Und diese Länder, besagt eine ökonomische Theorie, tun sich oft schwer, über die Schwelle zu springen und in die höhere und höchste Einkommenskategorie aufzusteigen. "Laut dieser These ist es für Länder mit einem gewissen Entwicklungsrückstand relativ leicht, von unten in die Mitte aufzusteigen", sagt Vasily Astrov, Osteuropa-Experte beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).


"In einem Billiglohnland lohnt es sich beispielsweise für Investoren, einzusteigen. Ein solches Land kann auch die Technologien der entwickelten Länder übernehmen", analysiert er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Schritt vom mittleren zum hohen Einkommen wäre demnach aber schon bedeutend schwerer: "An diesem Punkt braucht man mehr als das, etwa eine Spezialisierung auf höhere Güter, Investitionen in Humankapital oder Forschung und Entwicklung", meint Astrov, der aber gleichzeitig darauf hinweist, dass es sich bei der Theorie von der "middle income trap" um eine kontroverse, intensiv diskutierte These mit Anhängern und Gegnern handelt.

Laut dem "Transition Report 2017-18", den Young vorgestellt hat, tendieren Volkswirtschaften mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen zu einem langsameren Produktivitätswachstum, wenn ihr Einkommensniveau zwischen einem und zwei Drittel von jenem der USA liegt. Der EBRD-Chefvolkswirt wies außerdem darauf hin, dass das Wachstum in vielen Volkswirtschaften der Region hinter vergleichbaren Ländern in der restlichen Welt hinterherhinke.

Reduzierter Staat
Ein besonderes Desiderat sieht Young beim Thema Infrastruktur. Der Ausbau der Transportinfrastruktur könne durch besseren Marktzugang und neue Handelsbeziehungen zu Einkommenswachstum gerade in historisch benachteiligten Regionen beitragen. Hier sei der Aufholbedarf immer noch groß. Laut EBRD machen die Investitionen in die Infrastruktur rund 60 Prozent des gesamten Finanzierungsbedarfs in der Region aus. 1,9 Billionen Euro müssten über die kommenden fünf Jahre in der Region in die Infrastruktur investiert werden. Trotz großer Fortschritte (etwa in Polen) müsse hier noch einiges geschehen - dieser Ansicht ist auch WIIW-Experte Astrov: "In Russland ist beispielsweise die Infrastruktur nicht so gut ausgebaut, wie sie sein sollte, wenn man sich das BIP pro Kopf ansieht", sagt er.

Das hat Gründe: "Gerade in postsowjetischen Ländern gab es nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Wachstumsimpulse vor allem im privaten Sektor. Der private Sektor war relativ erfolgreich, gleichzeitig waren die Infrastrukturausgaben des Staates gering. Auch die Gehälter im staatlichen Sektor waren viel niedriger, der Staat hatte generell weniger Möglichkeiten, Ausgaben zu tätigen", analysiert der WIIW-Experte.

Dadurch kam es zu der Situation, dass sich zwar die Privatwirtschaft generell gut entwickelte, die Investitionen in die Infrastruktur dahinter aber deutlich zurückblieben - ein Phänomen, das in vielen Schwellenländern auftritt, und das einen Engpass für die Entwicklung darstellt.




Schlagwörter

EBRD, Osteuropa, Wirtschaft

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Dokument erstellt am 2018-01-31 18:05:11
Letzte Änderung am 2018-01-31 19:09:55


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