• vom 14.02.2018, 14:21 Uhr

International

Update: 14.02.2018, 14:53 Uhr

Konjunktur

Milliarden-Wetten gegen Europas Großkonzerne




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Von WZ Online, Reuters

  • Bridgewater sieht Europas Wirtschaftsaufschwung in der Spätphase und setzt auf Kursverluste bei Aktien.

Ein geharnischter Krieger aus Stein sitzt auf dem Dach der Frankfurter Börse neben einer Fahne der Deutschen Börse AG. Die Deutsche Wirtschaft boomt, aber es gibt erste Wetten auf den Abschwung. - © APAweb/dpa, Rumpenhorst

Ein geharnischter Krieger aus Stein sitzt auf dem Dach der Frankfurter Börse neben einer Fahne der Deutschen Börse AG. Die Deutsche Wirtschaft boomt, aber es gibt erste Wetten auf den Abschwung. © APAweb/dpa, Rumpenhorst

Frankfurt. Der weltgrößte Hedgefonds Bridgewater wettet Milliarden auf Kursverluste bei europäischen Großkonzernen. Seit Ende Januar hat der Investor Leerverkaufspositionen bei zahlreichen Dax-Konzernen aufgebaut, darunter Deutsche Bank, Allianz, BASF und Siemens. Die Wetten auf Kursverluste bei insgesamt 13 Dax-Konzernen beliefen sich zuletzt auf fast sechs Milliarden Euro. Auch in Frankreich, Italien, den Niederlanden und Spanien hat Bridgewater Milliarden im Feuer.

Bei Leerverkäufen leihen sich Investoren Aktien, um diese zu verkaufen. Dabei hoffen sie, die Papiere bis zum Ende der Ausleihfrist billiger zurückkaufen und die Differenz als Gewinn einstreichen zu können. Hedgefonds setzen zwar des öfteren mit Leerverkäufen auf Kursverluste bei einzelnen Unternehmen, doch eine so umfangreiche Wette auf zahlreiche Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen in verschiedenen Ländern ist ungewöhnlich. Möglicherweise positioniert sich Bridgewater, mit einem verwalteten Vermögen von 160 Milliarden Dollar der weltgrößte Hedgefonds, für einen Wirtschaftsabschwung in Europa.

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Geld verdienen mit fallenden Kursen

Mit Leerverkäufen (short-selling) kann an der Börse auch bei fallenden Kursen Geld verdient werden. Dafür verkauft ein Händler Aktien oder Anleihen, die er sich gegen Gebühr bloß ausleiht, um von fallenden Kursen in der Zukunft zu profitieren. Geht diese Wette auf, macht er einen Gewinn. Steigen die Kurse bis zum vereinbarten Rückgabezeitpunkt jedoch, entsteht dem Händler ein Verlust.

Eine weitere Variante sind sogenannte ungedeckte Leerverkäufe (naked short-selling). Dabei verkaufen Händler Papiere, die sie nicht einmal geliehen haben. Sie müssen nur sicherstellen, dass Aktien zum Verleih angeboten werden.

Problematisch wird es, wenn der Markt von einer Flut an Leerverkäufen überschwemmt wird. Denn dann kann der Aktienkurs allein dadurch auf Talfahrt gehen. Falls nämlich weitere Aktionäre das Vertrauen in ihr Papier verlieren und verkaufen, wird der erhoffte Kursverfall dadurch oft erst ausgelöst - zum Schaden traditioneller Investoren. Manchen Händlern werden auch immer wieder kriminelle Taktiken vorgeworfen - etwa das gezielte Streuen schlechter Nachrichten über Unternehmen.

Leerverkäufe waren auch Gegenstand eines Rechtsstreits vor dem Europäischen Gerichtshof um Kompetenzen der europäischen Börsenaufsicht ESMA in Paris. Die Richter urteilten, dass die Aufseher in Krisensituationen sogenannte Leerverkäufe verbieten dürfen. Dagegen hatte sich Großbritannien gewehrt.

"Den Gipfel überschritten"

Die Konjunktur sei in der Spätphase des Aufschwungs, schrieb Bridgewater-Gründer Ray Dalio. "Wir wissen nicht genau, wie weit die Aktienmärkte und dann die Wirtschaft vom Gipfel entfernt sind, aber es ist klar, dass die Anleihenmärkte den Gipfel überschritten haben", schrieb Dalio. "Ich sorge mich darum, wie der nächste Abschwung aussehen wird, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er bald kommen wird."

Grenzen der Überauslastung 

Die deutsche Wirtschaft ist 2017 bereits das achte Jahr in Folge gewachsen. Nach Prognosen aller führenden Institute hält der kräftige Aufschwung in diesem und im kommenden Jahr an. Allerdings stößt der Konjunkturboom allmählich an seine Grenzen. "Wir lange der Boom anhält, lässt sich schwer abschätzen", sagte der Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. Doch die Erfahrung lehre, dass die Grenzen der Überauslastung irgendwann erreicht würden. "2019 oder 2020 könnte die Spitze erklommen sein."

In Frankreich setzt Bridgewater unter anderem auf Kursverluste beim Ölkonzern Total, beim Lebensmittelkonzern Danone sowie den Großbanken BNP Paribas und Societe Generale. Insgesamt hält der Hedgefonds dort Leerverkaufspositionen im Wert von fast vier Milliarden Euro. In den Niederlanden sind es mehr als eine Milliarde Euro und in Spanien 1,4 Milliarden Euro.

Unicredit im Visier von Bridgewater

Vor den Wahlen in Italien am 4. März wettet Bridgewater insbesondere gegen italienische Finanzwerte. Hier hält der Hedgefonds Leerverkaufspositionen unter anderem bei Intesa Sanpaolo, Unicredit und Finecobank. In den Niederlanden setzt Bridgewater auf Kursverluste etwa bei der Großbank ING, bei der Supermarktkette Ahold und dem Chip-Ausrüster ASML. In Spanien sind unter anderem die Großbanken BBVA und Santander sowie der Telefonkonzern Iberdrola betroffen.

Allein beim Münchner Technologiekonzern Siemens hat Bridgewater aktuell rund 800 Millionen Euro im Feuer. Laut Bundesanzeiger hielt Bridgewater am Montag Leerverkaufs-Positionen im Volumen von 0,86 Prozent des Grundkapitals von Siemens. Bei der Deutschen Bank waren es 0,78 Prozent, bei der Allianz 0,87 Prozent, bei BASF 0,84 Prozent. In den anderen europäischen Ländern liegen die Leerverkaufspositionen von Bridgewater meist zwischen 0,5 und 0,8 Prozent.




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Dokument erstellt am 2018-02-14 14:31:42
Letzte Änderung am 2018-02-14 14:53:57