Washington/Berlin. (Reuters/dpa/sei) Die fetten Jahre sind vorbei, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner jüngsten Frühjahrs-Prognose. Denn der von US-Präsident Donald Trump befeuerte Handelsstreit kann nach Einschätzung der Ökonomen des IWF die florierende Weltwirtschaft aus der Spur bringen. Zwar sagte der Internationale Währungsfonds am Dienstag für dieses und nächstes Jahr jeweils ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,9 Prozent voraus. Das wäre der beste Wert seit 2011. Doch ein weltweit eskalierender Handelskonflikt könnte dem entgegenstehen, sagte IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld. Zudem bezeichnete der IWF die längerfristigen Wachstumsaussichten der den meisten Industrieländer als ernüchternd. Dabei sei die hohe Verschuldung von Staaten und Haushalten eine Hypothek. Kurzfristig sollten allerdings die Volkswirtschaften in den USA und Deutschland stärker zulegen als bislang erwartet. In Industrieländern seien alterndes Personal, Fachkräftemangel und nur langsam wachsende Produktivität ein weiteres Problem. Obstfeld forderte die Regierungen auf, finanzielle Puffer zu bilden. Mit vernünftiger Politik könne die Wachstumsperiode in die Länge gestreckt werden.

Gefährliche Handelsungleichgewichte

Gegenüber seiner Januar-Schätzung beließ der IWF die Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft unverändert. Das gilt auch für Schwergewichte wie China, Indien, Japan und Russland. Für die US-Wirtschaft dagegen setzte der IWF seine Prognose um jeweils 0,2 Punkte nach oben auf 2,9 Prozent in diesem und 2,7 Prozent im nächsten Jahr. Für Deutschland ist der Fonds zumindest für 2018 zuversichtlicher. Hier wird mit einem Wachstum von 2,5 Prozent gerechnet, das sind 0,2 Punkte mehr als zuletzt. Für 2019 erwartet der IWF dann für Deutschland ein Plus von zwei Prozent. Die Erwartung für die österreichische Wirtschaft wurde von 1,9 auf 2,6 Prozent hochgeschraubt. Für 2019 geht der IWF für Österreich von nur noch 1,9 Prozent BIP-Zuwachs aus. Obstfeld sagte, es sei "geradezu paradox", dass wichtige Länder in Zeiten einer boomenden Wirtschaft mit einem Handelskrieg flirteten. Die von Trump ausgelöste Runde neuer Importzölle sowie seine Drohungen mit weiteren Maßnahmen dürften nicht viel an den weltweiten Ungleichgewichten im Handel ändern. Im Gegenteil: Der IWF rechnet für 2019 mit einem US-Handelsdefizit, das rund 150 Milliarden Dollar höher liegen könnte, als er es noch im Oktober 2017 erwartet hatte.

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Der IWF bekräftigte zudem, übermäßige Handelsungleichgewichte seien gefährlich. Deutschland wurde deswegen immer wieder kritisiert. Eine solche Situation schüre Konflikte. Länder mit übermäßigen Defiziten und Überschüssen seien daher gefragt, diese mit einer entsprechenden Politik zu vermindern. So soll Deutschland beispielsweise mehr investieren. China hat in den vergangenen Jahren seine Leistungsbilanzüberschüsse deutlich reduziert, während sie für die Gläubigerländer der Eurozone weitgehend gleichgeblieben sind. Der Währungsfonds sagt voraus, dass der Leistungsbilanzüberschuss für Deutschland im Jahr 2018 rund 8,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen wird (Österreich: 2,5 Prozent). China lag in den Jahren vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im Spitzenfeld auf der Liste der Länder mit positiver Leistungsbilanz (2007: 9,9 Prozent), heute hat sich die Leistungsbilanzposition normalisiert, die Überschüsse werden im Jahr 2018 1,2 Prozent betragen. Die Leistungsbilanz-Position der USA verschlechtert sich nach den IWF-Prognosen in den kommenden Jahren: Lag das Leistungsbilanzdefizit der USA im Jahr 2017 bei 2,4 Prozent, so steigt diese Zahl im Jahr 2018 auf 3,0 Prozent und im Jahr 2019 auf 3,4 Prozent.

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Wachstums schwächt
sich allmählich ab

Die Verschlechterung der Leistungsbilanz-Position der USA läßt vermuten, dass US-Präsident Donald Trump weiter darauf drängen wird, dass die Exportposition der Überschussländer - wie etwa wie Deutschland, Südkorea (Leistungsbilanzüberschuss von 5,5 Prozent), Japan (4,3 Prozent), Italien (2,6 Prozent) - aber auch Österreich - erschwert wird.

Der Fonds ergänzte, es gebe weitere Faktoren, die längerfristig dämpfend wirkten. "Das globale Wachstum wird sich voraussichtlich nach den nächsten paar Jahren verlangsamen", hieß es in dem Bericht. Das Pro-Kopf-Wachstum werde insbesondere in etablierten Industrieländern auf ein Niveau sinken, das unter dem Durchschnitt der Jahre vor der Finanzkrise von 2008 liegen dürfte. In vielen Ländern Europas, so auch Deutschland, sei das unter anderem eine Folge der demografischen Entwicklung. In den USA dagegen werde der Impuls der jetzigen Steuersenkungen ab 2020 nachlassen. Die Länder müssten die aktuell gute Lage nutzen, um sich mit Reformen und Finanzvorsorgen krisenfester zu machen.