In seinem Jahrhundertwerk der "Allgemeinen Theorie" hat der Ökonom John Maynard Keynes geschrieben: "Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten."

Der Satz war nie richtiger als heute. Wir reden ständig über Innovation, um sie möglichst zu verhindern. Das kostet uns Kopf und Kragen.

Innovation ist die harte Währung der Wissensgesellschaft. Es ist Zeit, dieser Währung den Wert zuzuweisen, der ihr zusteht.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn nichts wird mehr missverstanden als das Neue.

Und kaum ein anderer Begriff ist heute so wohlfeil wie jener der Innovation. Wir leben in Zeiten der Innovations-Inflation.

Wolf Lotter ist ein deutsch-österreichischer Journalist und Autor. Lotter ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins "brand eins", für das er seit 2000 die Leitartikel zu den Schwerpunktthemen verantwortet. Lotter ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien "Zivilkapitalismus. Wir können auch anders" (2013).
Wolf Lotter ist ein deutsch-österreichischer Journalist und Autor. Lotter ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins "brand eins", für das er seit 2000 die Leitartikel zu den Schwerpunktthemen verantwortet. Lotter ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien "Zivilkapitalismus. Wir können auch anders" (2013).

Inflationen entwerten - Materielles ebenso wie Geistiges. Das aber kann sich eine Gesellschaft, die von Wissen und Ideen lebt, nicht leisten. Und dies ist so eine Gesellschaft, ob unsere industriell bestimmte, mechanistische, etwas starrsinnige und rückwärtsgewandte Kultur das wahrhaben will oder nicht. Was soll man tun?

Erstens versuchen, die Innovation ernst zu nehmen und nicht als Sonderfall und als lästige Störung zu begreifen. Die Voraussetzung dafür ist, dass Veränderungen in unserer Kultur nicht mehr als Bedrohung gelten, sondern als Angebot, als Alternative zum Bestehenden. Innovationen sind das Leben, das wir noch vor uns haben. Und dieses Leben wird abwechslungsreicher, überraschender werden als das, was wir in den letzten drei, vier Jahrzehnten erlebt haben. Das fordert von jedem Einzelnen: Wir müssen lernen, uns zu entscheiden. Der Kern aller Innovation ist das Erkennen des Unterschieds und die Einlassung darauf. Es geht auch anders. So fängt es an.

Das muss man wollen, sich dafür entscheiden. So wie man wissen will, was man nicht mehr will. Die Erneuerung der Innovationsidee besteht vor allen Dingen darin, dass wir unsere Einstellung zum Neuen gründlich klären.

Das ist eine Kulturfrage.

Was ist das Neue, was könnte es sein?

Was ist das Neue, was könnte es sein? Was tun wir für die, die das Neue befördern, und für uns, damit wir zu jenen gehören, die das ebenfalls können? Ermöglichen wir Innovation - oder tun wir nur so? Dazu gehört auch ein kritischer - selbstkritischer - Geist. Ist alt immer schlechter als neu?

Gewiss: Wir müssen für das Neue streiten, für die Innovation in die Schlacht ziehen, keine Gelegenheit zum Scharmützel auslassen, aber nicht auf Kosten all dessen, was an Gutem und Richtigen in dieser Welt vorhanden ist. Eine selbstbewusste und neue Innovationskultur streitet für Erneuerer, aber nicht für jene, die Veränderung und Innovation nur als Vorwand benutzen, um Vorhandenes zu beseitigen - und sich, ohne jede Verbesserung für andere, an den warmen Ofen zu setzen. Innovation ist etwas anderes als die Missinterpretation der Schumpeterschen "Schöpferischen Zerstörung" als "Survival of the fittest". So haben das aber nicht nur Betriebswirte gelernt. Ein neues Innovationsverständnis braucht kritisches Zweifeln: Man soll dem Neuen einiges zutrauen, aber blind vertrauen muss man ihm nicht.