Minsk. Als Apple zuletzt in Kalifornien seine neuen Emojis vorstellt und die Welt mit sprechenden Köpfen von Affen, Schweinen und Einhörnern amüsiert, sitzt Andrej Jantschurewitsch vor seinem Rechner in Minsk, fast 10.000 Kilometer weiter im Osten, und denkt sich: Das können wir auch.

Die neuen Helden Weißrusslands residieren in schicken Büros. - © Maxim Sarychau
Die neuen Helden Weißrusslands residieren in schicken Büros. - © Maxim Sarychau

Jantschurewitsch ist kein Mann des Understatements. Kein Wunder, gehört er doch schon mit seinen 26 Jahren zu den großen Stars der weißrussischen Start-up-Szene. Bis zuletzt war er operativer Manager von "MSQRD", einer Selfie-App, mit der man sich eine Maske von Leonardo DiCaprio oder Batman über das Gesicht legen kann. Innerhalb weniger Monate wurde MSQRD zu einer der beliebtesten Anwendungen weltweit und 2016 von Facebook übernommen.

Inzwischen hat Jantschurewitsch wieder ein neues Projekt gestartet. Vor wenigen Wochen ist er mit seinen Kollegen in ein Büro an der Sybizkaja-Straße eingezogen, durch die großen Fenster spiegeln sich die weißen Kirchtürme der "Hohen Stadt", unten reihen sich hippe Bars, Cafés und Shops aneinander. "AR Squad", die "Augmented Reality Gruppe", heißt sein neues Projekt.

Andrej Jantschurewitsch ist einer der Stars der Minsker Start-up-Szene. Bei seinem neuesten Projekt dreht sich alles um Augmented Reality. - © Maxim Sarychau
Andrej Jantschurewitsch ist einer der Stars der Minsker Start-up-Szene. Bei seinem neuesten Projekt dreht sich alles um Augmented Reality. - © Maxim Sarychau

"Wir denken uns neue Formen der Interaktion zwischen der Grafik und der realen Welt aus", erklärt Jantschurewitsch. Wie etwa eine Figur, die den ortsfremden User mit der Datenbrille an der Hand nimmt, um den richtigen Bus ins Stadtzentrum zu nehmen. Oder eben animierte Emojis, die die Mimik des Users übernehmen, wie sie Apple zuletzt vorgestellt hat. "Angesichts dessen, dass wir viel weniger Ressourcen haben, finde ich, dass sie uns ganz gut gelungen sind", sagt Jantschurewitsch. "Außerdem funktionieren sie nicht nur mit dem Facetracker von Apple."

Sowjetische Kaderschmiede

Walerija Bobkowa organisiert IT-Kurse für Jugendliche. - © Maxim Sarychau
Walerija Bobkowa organisiert IT-Kurse für Jugendliche. - © Maxim Sarychau

Ein neues Selbstbewusstsein weht durch die Büros der IT-Tüftler in Minsk. Längst ist Weißrussland, das 9,5-Millionen-Einwohner-Land zwischen Polen, dem Baltikum, der Ukraine und Russland, zu einem Geheimtipp für innovative IT-Projekte geworden. Der Chat-Dienst Viber? In der polnisch-weißrussischen Grenzstadt Brest programmiert. Das Kriegsspiel "World of Tanks"? Vom weißrussischen Spieleentwickler Wargaming.net produziert. Wenige Monate nach dem MSQRD-Deal wurde die Gesichtserkennungsapp Fabby, hinter der das Minsker Start-up AIMatter steht, von Google gekauft.

Dmitrij Kaigorodow beschäftigt sich mit Online-Shops. - © Maxim Sarychau
Dmitrij Kaigorodow beschäftigt sich mit Online-Shops. - © Maxim Sarychau

Es waren ausgerechnet die Sowjets, die die Grundlage für den IT-Boom legten. Minsk galt zu Sowjetzeiten als Kaderschmiede für Mathematiker und Ingenieure im Rüstungswettlauf mit dem Westen. Eine Tradition, aus der der boomende IT-Markt noch heute schöpfen kann. Doch inzwischen kommen die Hochschulen gar nicht mehr damit nach, genug Nachschub für die IT-Unternehmen zu schaffen. Selbst in der Minsker Metro wird mit Stickern um neues Personal gebuhlt. "Das Land braucht Programmierer!", ist dort beispielsweise zu lesen. Gelockt wird der Nachwuchs auch mit Gehältern, die um ein Vielfaches über dem monatlichen Landesdurchschnitt von rund 420 Euro liegen.