In Weißrussland sind die Programmierer schlau, aber nicht teuer. Das macht sie für viele westliche Unternehmen attraktiv. - © Maxim Sarychau
In Weißrussland sind die Programmierer schlau, aber nicht teuer. Das macht sie für viele westliche Unternehmen attraktiv. - © Maxim Sarychau

Während das weißrussische BIP zuletzt insgesamt um drei Prozent geschrumpft ist, ist der IT-Sektor 2016 um 20 Prozent gewachsen. So sind es vor allem westliche Unternehmen, die ihre IT nach Weißrussland ausgelagert haben. Doch das Land will nicht mehr nur die verlängerte Werkbank des Westens sein. In einer Seitenstraße nahe dem Minsker Bahnhof liegt der Start-up-Hub Imaguru. Zu Sowjetzeiten wurden im langgestreckten Ziegelbau Waffen für die Rote Armee geschmiedet, heute gibt es hier Motivationsseminare, Coworking-Plätze und Schulungen für Neo-Unternehmer. Am Eingang hängen zwei Uhren - eine zeigt die Uhrzeit von Minsk, die andere jene von San Francisco.

Auf der Suche nach der Nische

In einem fensterlosen Zimmer sitzt Dmitrij Kaigorodow. Hornbrille, hellblaues Hemd, darunter ein T-Shirt mit einem Bild von Salvador Dali, dem spanischen Surrealisten, mit einer Sprechblase: "Will design to rock’n’roll!" Nach seinem Mathematik-Studium hat der 32-Jährige für ProSieben-Media programmiert und beim Software-Riesen Epam, der in den 1990er Jahren von einem Weißrussen gegründet wurde und inzwischen an der New Yorker Börse notiert, angeheuert. Doch der Erfolg anderer Start-ups hat seinen Ehrgeiz angestachelt, selbst etwas auf die Beine zu stellen. So hat Kaigorodow das Start-up Kuoll gegründet.

"Wir beobachten, welche technischen Probleme bei den Online-Shops auftreten, und analysieren, wie diese den Umsatz beeinflussen", erzählt er. Das mag zwar weniger glamourös klingen als Gesichtserkennung, aber inzwischen kooperiert Kuoll schon mit der US-Onlineshop-Software Magento, die weltweit hunderte Onlineshops betreut. Es könnte eine lukrative Nische sein, hofft Kaigorodow. "Schenja, wie viele Mitarbeiter werden wir in einem Jahr haben?", fragt er seinen Kollegen, der gerade auf einem Sitzsack lümmelt. Der überlegt kurz und sagt: "Keine Ahnung, vielleicht zehn?"

Wer gut ist, geht häufig

Weißrussland ist für viele ein unbeschriebenes Blatt. Durch einen Unionsstaat eng mit Russland verbunden, ist es dem Land aber zumindest im IT-Bereich gelungen, sich aus dem Schatten des großen Bruderstaates zu lösen. "Es ist gut, dass unser Markt klein ist. Deswegen denken unsere Start-ups gleich von Anfang an global", sagt Jewgenij Puchatsch, der bei Imaguru die Start-up-Gründer betreut. "Das ist ein großer Unterschied zu Russland. Dort ist der Markt zwar groß, aber der Schritt auf den globalen Markt fällt ihnen dadurch viel schwerer als uns", so Puchatsch.

Dennoch kämpft die Branche mit Problemen. Viele erfolgreiche Start-ups wandern in den Westen ab. Zu groß ist das bürokratische Korsett, das der Staat unter dem Autokraten Alexander Lukaschenko um die Wirtschaft geschnürt hat. Zwar gibt es seit 2005 eine Sonderwirtschaftszone in einem High-Tech-Park in Minsk, aber davon haben bisher vor allem Outsourcing-Modelle profitiert. Inzwischen hat aber auch Lukaschenko, der seine Karriere noch als Kolchos-Bauer gestartet hat, das Potenzial des IT-Sektors erkannt. Er hat Ende 2017 ein Dekret beschlossen, das Weißrussland punkto digitaler Wirtschaft zu einem der liberalsten Länder weltweit machen soll. So will Belarus die Blockchain-Technologie fördern, Risikokapital ins Land locken und IT-Gründer auf Jahre hin steuerlich begünstigen.