Mailand/Wien. (wak) Italien ist nur "wenige kleine Schritte" von der schwerwiegenden Gefahr entfernt, Vertrauen zu verspielen. Mit dieser scharfen Warnung schaltete sich am Dienstag Italiens Notenbankchef Ignazio Visco ins Geschehen ein während im Hintergrund die Kurse purzelten. Der Mailänder Leitindex FTSE MIB verlor schon am Vormittag 2,64 Prozent. Und die italienische Entwicklung riss auch die Indizes in ganz Europa mit in die Tiefe.

Auch die Wiener Börse ist Dienstag Mittag auf Talfahrt gegangen. Der ATX notierte etwa um 12 Uhr bei einem Minus von 3,23 Prozent.

Für Beobachter scheint klar: Wären Italiens Staatsschulden nicht so gigantisch, würden die Märkte nicht so kopflos auf das Platzen der Regierungsverhandlungen in Italien reagieren. Aber die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hat - nach dem viel kleineren Griechenland - die größte Staatsverschuldung mit 131,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Laut Eurostat liegt die Verschuldung Deutschlands bei 64,1 Prozent, die Österreichs bei 78,4 Prozent.

In den Büchern der systemrelevanten italienischen Banken sollen bis zu 15 Prozent faule Kredite schlummern. Das ist dreimal so viel wie in anderen großen Banken in Europa.

Angesichts dieser nackten Zahlen ist der Ruf natürlich umso wichtiger, der nun wieder ruiniert zu werden droht.

Experte: EZB derzeit hilflos

Schon 2012 attackierten die Finanzmärkte Italien, doch damals sagte Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank EZB, bekanntlich, "man werde alles tun, was notwendig ist", um die Märkte der Eurozone und die Staaten selbst vor der Pleite zu schützen. Was folgte, war der Ankauf von Staatsanleihen im großen Stil sowie einer Nullzins-Politik wie in den USA. Und während die USA bereits die Zinswende eingeläutet haben, hat die EZB derzeit ihren Köcher verschossen. Käme es wieder zu einer Krise, "müsste die EZB ganz stark in den negativen Bereich", erklärt etwa der Fondsmanager Ronald Stöferle bei der Präsentation seines "In Gold we trust"-Reports. Er und sein Partner Mark Valek betonen, dass, wenn die EZB nun ebenfalls die Zinswende einläuten wird und ihr Anleihenkaufprogramm zurückfährt, es zu dramatischen Folgen kommen könnte. Denn die Zentralbanken werden dann von Nettokäufern von Staatsanleihen zu Nettoverkäufern. Schlechte Nachrichten für Italien. Denn die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aus Rom stiegen am Dienstag kräftig. Damit wird es für das Land immer teurer, sich am Markt zu finanzieren.

"In der Praxis waren die niedrigen Zinsen (der EZB, Anm.) der ideale Anreiz für ein weiteres Auftürmen von Schuldenbergen", schreiben Stöferle und Valek.

Das Finanzministerium in Rom will heuer Anleihen im Volumen von 240 bis 250 Milliarden Euro ausgeben, inklusive kurzlaufenden Bonds sind es sogar bis zu 400 Milliarden Euro.

Der mit einer Übergangsregierung beauftragte Wirtschaftsexperte Carlo Cottarelli hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass Italien die Staatsschuld reduzieren müsse, "wenn wir nicht Sklaven der Finanzmärkte bleiben wollen", lautet Cottarellis Mantra.

EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger will in der nächsten Etatperiode mehr EU-Gelder in strukturschwache Mittelmeerländer wie Italien pumpen - zulasten Osteuropas.

Mit einem Interview mit der Deutschen Welle sorgte Oettinger dagegen für Empörung in Rom. Oettinger sagte, er erwarte keinen Stimmenzuwachs europakritischer Parteien bei möglichen Neuwahlen in Italien. Er rechne vielmehr damit, dass die Märkte und die italienische Wirtschaftsentwicklung für die Wähler ein Signal seien, nicht Populisten von links und rechts zu wählen.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker kritisierte laut einem Sprecher die "unweise Bemerkungen", die Oettinger zugeordnet würden. "Es sind die Italiener und nur die Italiener, die über die Zukunft ihres Landes entscheiden", sagte der Sprecher der EU-Kommission.