Die privaten Banken würden in Zukunft kein Geschäftsgebiet verlieren, sie könnten weiterhin Kredite vergeben, wenn sie das Geld hierfür tatsächlich haben (durch langfristige Kundeneinlagen) oder zuvor von der Notenbank oder anderen Banken erhalten. Die Kunden hätten wiederum Anspruch auf ein Vollgeld-Konto, das außerhalb der Bankbilanzen geführt wird und komplett mit Notenbankgeld gedeckt ist. 100 Prozent pleitensicher - und unverzinst.

Folgenreiches Experiment

Doch so einfach ist es dann doch nicht. Interessanterweise lehnt die Schweizer Notenbank SNB den Vorstoß ab. Obwohl sie durch die Vergabe der Kredite an die Banken ordentlich profitieren würde. Auch die Regierung ist dagegen - auf Bundesebene haben sich alle Parteien gegen die Initiative ausgesprochen. Industrie- und Bankenvertreter natürlich auch, denn die Gewinne der Banken würden bei solch einem Modell freilich schrumpfen. Die Kreditvergabe würde langwieriger, bürokratischer und teurer, so etwa die Zürcher Kantonalbank.

SNB-Chef Thomas Jordan wie auch UBS-Chefökonom Daniel Kalt befürchten eine starke Aufwertung des Franken in Krisenzeiten - und damit eine immense Schwächung der Exportwirtschaft. Das Vollgeldmodell sieht außerdem vor, dass die Gewinne, die durch die Geldschaffung sonst die Banken einstreichen, nun durch die SNB dem Staat und den Bürgern zugutekommen. Die SNB warnt hier aber vor Schwierigkeiten bei der Steuerung der Geldmenge. Es sei unklar, wie sie in einem Vollgeldsystem Liquidität abschöpfen könne, wenn sie zuvor Franken gratis an die Bürger ausgegeben habe, so SNB-Chef Jordan. Weil einmal geschaffene Liquidität kaum mehr verringert werden könne, drohe eine erhöhte Inflation.

Initiative löst Probleme nicht

Auch der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister hat bereits 2016 am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo das Vollgeld evaluiert. Der Neoliberalismuskritiker kommt zu dem Schluss, dass mit der Geldmenge weder die Inflation noch die Konjunktur gesteuert werden könne und sich durch das Vollgeld-Modell die Finanzspekulation nicht eindämmen lasse. Vielmehr würde das System die Kreditversorgung der Realwirtschaft massiv beeinträchtigen und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage permanent dämpfen.

Das Vollgeldsystem würde außerdem die Macht der Notenbank in einer Weise ausweiten, die mit den Prinzipien einer Demokratie unvereinbar wäre. Sein Fazit: Nicht das Kreditgeldsystem an sich stellt ein Fundamentalproblem für die Funktionsfähigkeit einer kapitalistischen Marktwirtschaft dar, sondern die Art der Verwendung von Geld. Um die destabilisierende Finanzspekulation innerhalb des bestehenden Geldsystems treffsicher eindämmen zu können, bedarf es seiner Ansicht nach etwa elektronischer Auktionen statt schnellem Fließhandel an den Börsen, einer generellen Finanztransaktionssteuer und fester Wechselkurse.

Kritik am bestehenden Geld- und Bankensystem gibt es aus allen Lagern. Und auch an der Vollgeld-Initiative. Das Misstrauen vieler Bürger ins Finanzsystem ist begründet und die Diskussion über das richtige Geldsystem wichtig. Auch wenn die Abstimmung in der Schweiz, glaubt man den Umfrageergebnissen, mit großer Wahrscheinlichkeit abgelehnt wird, wird es hierzu im Euroraum sicher weitere ähnliche Diskussionen geben. Ähnliche Initiativen wie die in der Schweiz gibt es bereits in Großbritannien, Deutschland und Island - selbst der ehemalige spanische Notenbankpräsident ist von der Idee ganz angetan.