Hannover. Jahrzehntelang galt die Cebit als Mekka der Tech-Branche. 1995 stellte Bill Gates hier Windows 95 vor, fünf Jahre später feierte Windows 2000 dann seine Deutschlandpremiere auf der damals weltgrößten IT-Messe. Nach Hannover kamen aber nicht nur die ganz Großen. In den besten Zeiten nutzen nicht weniger als 7500 Aussteller die Messe, um technische Innovationen und ihre neuesten Produkte zu zeigen. Vor allem um die Jahrtausendwende konnte es sich kein Unternehmen aus der Branche leisten, die großen Leistungsschau im Norden Deutschlands auszulassen.

Doch von den goldenen Zeiten, als noch bis zu 800.000 Besucher auf das Cebit-Gelände pilgerten, war man in den vergangenen Jahren weit entfernt. So waren 2017 nur noch knapp 200.000 Menschen bereit, knapp 60 Euro für das mehrere Tage gültige Eintrittsticket zu bezahlen. Fern blieben aber nicht nur die Besucher. Die Mobilfunkbranche machte zuletzt statt in Hannover lieber in Barcelona Station, wo seit 2006 immer im Februar der Mobile World Congress stattfindet. Und die neueste Unterhaltungselektronik wird vor allem auf der immer wichtiger werdenden Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas präsentiert.


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Bereits im vergangenen Jahr haben die Cebit-Veranstalter daher den Resetknopf gedrückt und damit begonnen, das gesamte Konzept der Veranstaltung vollkommen umzukrempeln. So soll die Cebit, die heuer erstmals nicht im Frühjahr stattfindet, sondern erst am gestrigen Montag eröffnet wurde, keine Messe im klassischen Sinn mehr sein, sondern ein Festival-Spektakel mit allem, was dazugehört. Entsprechend gibt es diesmal auch nicht nur Produktpräsentationen, Konferenzen und Podiumsdiskussionen, sondern auch ein 60 Meter hohes Riesenrad, eine stehende Welle für Surfer und Konzerte von Mando Diao und Jan Delay. Und wer will, kann auf dem ganz im Campus-Stil gehaltenen Messegelände sogar campieren.

Mit dem neuen Konzept sollen vor allem wieder junge Menschen, und da ganz besonders solche aus der Start-up-Szene, angesprochen werden. Denn diese hatten sich in den vergangenen Jahren, als es mehr um Geschäftsabschlüsse denn um Inspiration und die Technik-Begeisterung der Gründerjahre ging, häufig ausgeschlossen gefühlt. "Diese Zielgruppe erwartet andere Formate als eine traditionelle Messe", sagte Oliver Frese, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe bei der Eröffnung am Montag. Die neue Cebit solle daher "gelebte digitale Transformation" sein.

Inhaltlich gibt sich die Messe dementsprechend breit. Künstliche Intelligenz, humanoide Roboter und das Internet der Dinge sind genauso Thema wie E-Learning, Cloud-Computing oder der neue Mobilfunkstandard 5G. Ganz im Sinne des neuen Konzepts wollen die Veranstalter dabei aber nicht bei den rein technischen Lösungen stehenbleiben, sondern auch die Folgen der Digitalisierung für das gesellschaftliche Miteinander thematisieren. So gibt es auch Konferenzen, die sich mit dem Thema Frauen und Digitalisierung oder der Bedeutung der Blockchain-Technologie für die Finanzwelt auseinandersetzen.

Nachdenkraum für den Wandel

Dass sich die Cebit als Nachdenkort der Branche positionieren will, zeigt sich nicht zuletzt auch in der Auswahl der Redner. So sprechen in Hannover nicht nur prominente Tech-Apologeten wie IBM-Chefin Ginni Rometty, sondern auch ausgesprochen kritische Geister wie der US-Digitalpionier Jaron Lanier, der gleich zum Auftakt der Cebit vor den negativen Auswirkungen der Sozialen Netzwerke gewarnt hat.

"Wir sind daran so gewöhnt, dass wir nicht mehr merken, wie bizarr und krank das ist", sagte Lanier. Viele Nutzer seien der Meinung, ohne Social-Media-Präsenz würden sie gar nicht mehr existieren. Konkret warnte der 58-Jährige, der schon in den 1980er Jahren einen Datenhandschuh und Virtual-Reality-Software entwickelt hatte, vor allem vor einer Überwachung in den sozialen Netzwerken, einem Kontrollverlust über die eigenen Daten und dem Effekt von Filterblasen. Demokratie bestehe aus Diversität und der Vielfalt im Denken: "Doch das funktioniert nicht, wenn wir alle im selben System gefangen sind", sagte Lanier, der in seiner Rede auch dazu aufrief, Plattformen wie Facebook oder Twitter zu verlassen.

"Ein notwendiger Schritt"

Ob die Verjüngungskur der Cebit den gewünschten Effekt bringt, wird sich nach Ansicht von Branchenexperten wohl aber erst in zwei oder drei Jahren zeigen. Für die Veranstalter dürfte es jedoch schon als Erfolg gelten, wenn die Besucher- und Ausstellerzahlen leicht nach oben gehen und die Messe wieder zu einem Fixtermin der Branche wird. Zumal es zu der fundamentalen Umgestaltung ohnehin kaum eine Alternative gegeben hätte. Nach Ansicht von Achim Berg, dem Präsidenten des Digitalverbands Bitkom, ist die Neuausrichtung nämlich nicht nur ein "mutiger, sondern auch notwendiger Schritt" gewesen.