• vom 14.06.2018, 18:09 Uhr

International


Zinswende

Klartext bei der Kurswende




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  • In der Vergangenheit hat EZB-Chef Mario Draghi aus Sorge vor überschießenden Marktreaktionen immer sehr vorsichtig agiert. Nun verkündet der Italiener mit ungewohnter Klarheit das Auslaufen des Anleihenkaufprogramms Ende 2018.



Riga. (rs) Wie heftig die Märkte selbst auf ein paar beiläufige Worte reagieren können, hatte im Mai 2013 Ben Bernanke erfahren müssen. Der Vor-Vorgänger des aktuellen Fed-Chefs Jerome Powell hatte damals bei einer Anhörung im US-Kongress quasi nebenbei erwähnt, dass die US-Notenbank bei anhaltend positiven Wirtschaftsdaten ihre Wertpapierkäufe allmählich zurückfahren könnte. Die Folge waren weltweit Kursturbulenzen, die durch Bernankes Bemerkungen ausgelöste Achterbahnfahrt an den Börsen wurde in der Finanzwelt sogar mit einer eigenen Wortschöpfung bedacht - "Taper Tantrum", was sich auf Deutsch ungefähr mit Entzugs-Wutanfall übersetzen lässt.

Entsprechend vorsichtig und zurückhaltend hatte in den vergangenen Jahren auch die Europäische Zentralbank (EZB) agiert. Denn ein allzu abrupter Ausstieg aus der fast schon zur Gewohnheit gewordenen ultralockeren Geldpolitik galt vor allem für die ehemaligen Krisenländer in Südeuropa als nicht zu unterschätzendes Risiko. Ein starker Anstieg der Anleihenrenditen in Folge einer Überreaktion der Märkte würde dort nämlich die Schuldenaufnahme spürbar verteuern, die bisher erzielten Erfolge bei der Sanierung der Staatshaushalte wären damit gefährdet.


© afp/Ilmars Znotins © afp/Ilmars Znotins

Umso überraschender war es daher für viele, mit welcher Deutlichkeit und Klarheit die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi an diesem Donnerstag die geldpolitische Wende eingeläutet haben. So will die EZB ihr gigantisches Kaufprogramm, in dessen Rahmen sie seit 2015 Staats- und Unternehmensanleihen erwirbt, bis Ende des Jahres einstellen. Dafür sollen die Käufe, die derzeit noch ein Volumen von 30 Milliarden Euro haben, bis Oktober auf 15 Milliarden reduziert werden um dann im Dezember endgültig auszulaufen.


Die auf insgesamt 2,6 Billionen Euro ausgelegten Wertpapiertransaktionen waren in den vergangenen Jahren die wichtigste Waffe der Notenbank im Kampf gegen die lange Zeit flaue Konjunktur und die aus Sicht der Notenbanker zu schwache Inflation. Doch zuletzt tat sich der 2019 aus dem Amt scheidende Draghi immer schwerer, die Notwendigkeit des Ankaufprogramms gegenüber seinen Kritikern zu verteidigen. Denn die Wirtschaft läuft trotz der jüngsten Abkühlung noch immer rund und im Mai kletterte auch die Teuerung auf 1,9 Prozent. Damit liegt die Inflation im Zielbereich von knapp unter zwei Prozent, den die EZB als Optimalwert für die Wirtschaft ansieht.

Umstritten ist das Anleihenkaufprogramm vor allem in Deutschland. So hat sich unter anderen Jens Weidmann, der Präsident der deutschen Bundesbank, immer wieder öffentlich gegen Draghis Kurs gestellt. Dabei hat Weidmann stets durchklingen lassen, dass er ein Nachlassen des Reformeifers im Süden befürchtet, wenn die Staaten grundlegende Strukturprobleme auch dadurch entschärfen können, dass sie zu sehr günstigen Konditionen neue Schulden machen können.

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Dokument erstellt am 2018-06-14 18:16:26


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